Zeitschrift für jüdische Wohlfahrtspflege
- Journal
- Zeitschrift für jüdische Wohlfahrtspflege
- Volume
- 1 (1929)
- Issue
- 4 (Juli-August 1929)
- Date
- 1929-07-01
- Page
- Seite 219 (sequence 41)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/4794429-4929550-8238434--236-4794660- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
ben können. Dem Verlag und den Herausgebern ist zu danken und ein guter Erfolg von Herzen zu wünschen. Rabbiner Dr. Joachim Prinz. Politik und Humanität. Paul Nathan. Ein Lebensbild von Ernst Feder. Deutsche Verlagsgesellschaft für Politik und Geschichte m. b. H., Berlin, 1929. Jacob Tcitel, Aus meiner Lebensarbeit. Erinnerungen eines jüdischen Richters im alten Rußland. Mit einem Vorwort von S. Dubnow und einer Charakteristik von M. Gorki. I. Kauffmann-Verlag, Frankfurt a.M., 1929. Kaum etwas hat mich in meinen Studienjahren stärker für die soziale Arbeit gewonnen als einige Biographien, und mir ist zum Beispiel ganz stark gegenwärtig, mit welcher Freude ich ein Buch wie die schöne Biographie Dr. Barnardos, des „Vaters der Niemandskinder", gelesen habe, der ich für meine praktische Arbeit sehr viel verdanke. (Dieses Buch von Friz sollte übrigens jeder, besonders jeder junge Sozialarbeiter, lesen und, wenn möglich, besitzen.) Solche Freude und Begeisterung der Studienjahre wurde wieder lebendig, als ich jetzt die beiden oben angezeigten Lebensbeschreibungen las, Bücher einer Zeit, in Vielem einander ähnlich, im allermeisten so grundverschieden. Das erste: die Lebensbeschreibung Paul Nathans, die ein Freund dem verstorbenen Freunde zum Gedächtnis geschrieben hat, stellt ihn hinein in die vollen Zusammenhänge seiner Zeit mit ihren geistigen, sozialen und politischen Strömungen und gestaltet daraus das Bild des Politikers und Kulturmenschen. Alle diese Gestaltung mit solcher Kunst des eleganten und prägnanten Ausdrucks, die Ernst Feder eigen ist, und mit so liebevollem Verständnis für das Eigentümliche und Edle, auch für die Grenzen, von Paul Nathans Persönlichkeit, daß die Lektüre des Buches zur Freude wird. Im Rahmen dieser kurzen Besprechung kann über den Politiker und Schriftsteller Paul Nathan leider kaum etwas gesagt werden — so interessant dessen Interessen und Leistungen, seine Beeinflussung durch und sein Einfluß auf Persönlichkeiten, Kreise und Wandlungen des deutschen Liberalismus von 1880 bis 1927 sind. Nur die Namen der Hauptakteure dieser Entwicklung (deren allen in Feders Buche in besonderer Weise Erwähnung getan ist) seien genannt: Eduard Lasker, Ludwig Bamberger, Heinrich Homberger, Theodor Barth und der Kreis der „Nation", Hugo Preuß. Den an jüdischer Sozialarbeit Interessierten wird aber vor allem die den zweiten Teil des Buches wesentlich beherrschende Darstellung von Paul Nathans gewaltiger jüdischer Hilfsarbeit fesseln: Begründung und Leitung des „Hilfsvereins der Deutschen Juden", (gemeinsam mit James Simon und Bernhard Kahn), dessen großes Palästina-Schulwerk und sein von Paul Nathan so schmerzlich empfundener, vorläufiger Abschluß (es hat ein späteres größeres Wiedererwachen gegeben), die zahlreichen Rußland-, Rumänien- und Polenreisen (er war allein während des Krieges sechsmal in Rußland und Rumänien), die tapferen und klugen Gespräche mit Witte, Stolypin, Sturdza, Bratianu, Ludendorff und vielen anderen, und schließlich die jüdische Ansiedlung in Rußland — der letzte Lieblingsplan, dem Paul Nathans Kräfte bis zum Tode gewidmet waren. An einer Reihe von Stellen bringt das Buch wertvolles, meines Wissens zum ersten Male veröffentlichtes Material zur Geschichte des jüdischen sozialen Hilfswerks, so zum Beispiel auf Seite 87 ff. über das Schulwerk in Pa- 219