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Zeitschrift für jüdische Wohlfahrtspflege · 1929-07-01 · 4 (Juli-August 1929) · p. Seite 220

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Journal
Zeitschrift für jüdische Wohlfahrtspflege
Volume
1 (1929)
Issue
4 (Juli-August 1929)
Date
1929-07-01
Page
Seite 220 (sequence 42)
Language
German
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lästina, auf Seite 94 über das Balkanhilfswerk von 1913. Wer Paul Nathan nicht gekannt hat, der muß aus den Schilderungen des Buches den scheinbar Kühlen und vom Verstände Beherrschten, in Wahrheit aber von leidenschaftlicher Liebe zu Gerechtigkeit, politischem Fortschritt, sozialem Hilfswerk und Judentum Erfüllten, den unermüdlich, mit immer neuem Elan Tätigen lieben und die Größe seiner Lebensleistung bewundern lernen. Einer der stärksten Eindrücke aber ist, wie mit der eigenen fortschreitenden Entwicklung und dem Alter die zunächst äußere, durch den Kampf gegen den Antisemitismus zum ersten Male lebendig gewordene Beziehung zum Judentum immer vertiefter und unlöslich wird. — Die gleiche Entwicklung hat Jacob T e i t e 1, Held und Autor des zweiten Buches, durchgemacht — so verschieden Ausgangspunkt, Umgebung, Lebensgang, Entwicklung und Wirken des russischen Richters und Wirklichen Staatsrates von der des deutschen Politikers waren, so verschieden von Nathans großem Ernst das heitere und humorerfüllte Temperament ist, mit dem Teitel — den wir als einen unter uns Lebenden grüßen — diesen ersten Teil seiner Lebenserinnerungen geschrieben hat. Wie reizvoll wäre es, auf die so fesselnd und lebendig geschriebenen vielen kleinen Geschichten, Notizen über Menschen, Züge aus dem jüdischen und russischen Volksleben einzugehen, die besonders den ersten Teil des Bandes durchziehen und auch kulturhistorisch bedeutsam machen. Wie er die russischen Beamten und Richter als Besucher im eigenen Hause in Samara, in den Provinzstädten und in den Ministeriaistuben, wie er aber auch die russischen und jüdischen Dichter und Politiker: Gorki, Tschechow, Lenin, Tschirikow, Solowjew, Scholem Alechem, Achad Haam, Perez, Bialik, Winawer, Sliosberg, Grusenberg und viele, viele andere, mit denen ihn sein Leben irgendwie in Berührung gebracht hat, wie er die Führer des westlichen Judentums schildert — auch Paul Nathan und er sind einander mehrfach begegnet —, alles das muß man selbst lesen, um die so lebensvolle, menschlich warme, immer anregende Darstellung auf sich wirken lassen zu können. Daneben wird der in jüdischer Sozialarbeit Stehende eine Fülle des Bedeutsamen aus seinem Fach erfahren und lernen können: von der ersten sozialen Arbeit des Verfassers und seiner früh verstorbenen, von ihm so geliebten Gattin für die Straßenkinder von Samara im Jahre 1902 an, über die Förderung der jüdischen Landwirtschaft in Rußland, Hilfe für jüdische Studierende, Plan einer jüdischen Universität in Rußland, Angola-Projekt, Beteiligung an den großen Hilfsaktionen für Rußland in Gemeinschaft mit den deutschen, französischen und englischen Juden, bis schließlich zum Verband der russischen Juden in Berlin, in dessen Leitung wir zu unserer Freude den Verfasser heute so kraftvoll wirken sehen. Die eigentliche Darstellung schließt mit einer Propagandareise und daran anschließendem Aufenthalt in London (1915) ab; sie wird hoffentlich sehr bald durch den angekündigten zweiten Band über die Kriegs- und Nachkriegszeit vervollständigt werden. Dann wird die Aufzeichnung eines Lebenswerkes vor uns liegen, das für die jüdisch-soziale Arbeit der letzten Jahrzehnte und der Gegenwart von hoher Bedeutung ist. Ich komme zum Anfang zurück: Das sind zwei Bücher, die die Kenntnis vom Judentum der Gegenwart und die Liebe zu ihm vertiefen und für das gewaltige, so dringend notwendige jüdische Hilfswerk für den Osten begeistern und aufrufen können. Und dann schildern sie — und das ist doch ihr höchster Wert — zwei wirkliche jüdische Menschen. Ihr müßt beide Bücher lesen! Friedrich Ollendorff. 220

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