Zeitschrift für jüdische Wohlfahrtspflege
- Journal
- Zeitschrift für jüdische Wohlfahrtspflege
- Volume
- 1 (1929)
- Issue
- 4 (Juli-August 1929)
- Date
- 1929-07-01
- Page
- Seite 203 (sequence 25)
- Language
- German
- Belongs to
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ihre städtische Lehre durch Unterbringung in einem Landheim zu unterbrechen. Bei der Organisation der freien Gefährdetenfürsorge muß ganz besonderer Wert darauf gelegt werden, daß alle Fragen akuter Gefährdung und die Entscheidungen über Berufs- und Erziehungsfragen zentral durch geschulte Kräfte erledigt werden. Aber auch die Schutzaufsichten, die in einfacheren Fällen von ehrenamtlichen Kräften übernommen werden können und die Mitarbeit von Helfern bei den Jugendabenden für Gefährdete müssen in engster Zusammenarbeit mit beruflichen Kräften geschehen. Die augenblickliche Entwicklung in der freien Wohlfahrtspflege ist an einem Punkt angelangt, an dem — um systematische und geordnete Wohlfahrtspflege zu leisten —■ manchmal bürokratischer und engherziger gearbeitet wird als in der amtlichen. Ist man nicht voll erfüllt von dem Gedanken der Mitverantwortung an der Not der Schützlinge, ist man nicht freudig bereit, in ihm den Nächsten zu achten, so ist jede am Gefährdeten geleistete fürsorgerische Arbeit wertlos. Gerade in der Gefährdetenfürsorge kann und muß diese der freien Wohlfahrtspflege so selbstverständliche Einstellung zuerst wieder gefunden werden. Es ist selbstverständlich, daß auch die beste amtliche Gefährdetenfürsorge bei harmonischster Zusammenarbeit mit der freien Wohlfahrtspflege immer nur individuelle Hilfe leisten kann und nicht fähig ist, an die Wurzeln der Gefährdung heranzureichen. In der jüdischen Arbeit hat man hierfür ein akutes Beispiel. Die Gefährdung jüdischer Jugendlicher in der Großstadt hat erheblich zugenommen. Als Ursache ist im allgemeinen die innere Auflösung der sonst so fest verbunden gewesenen Familien anzusehen. Diese Auflösung wiederum ist aber rein wirtschaftlich bedingt. (Wohnungsnot, Arbeitsmangel, schlechte Verdienstmöglichkeiten.) Der Kampf gegen diese wirtschaftlichen Nöte muß wirtschaftlich-politisch ausgefochten werden. Wir aber können nicht warten, bis dieser Kampf ausgefochten sein wird und müssen jedem Gefährdeten zur Einordnung in seine Gesellschaftsschicht helfen. Setzt sich die Fürsorge aber Ziele, welche zu hoch sind und deshalb nicht erreicht werden können — d. h. versucht sie den Gefährdeten zu kulturellen und weltanschaulichen Dingen zu erziehen, denen er nicht gewachsen sein kann —, ist sie zum Scheitern verurteilt. Sie wird aber sicher erfolgreich sein, wenn sie sich vorderhand nur mit dem oben ge- 203