Zeitschrift für jüdische Wohlfahrtspflege
- Journal
- Zeitschrift für jüdische Wohlfahrtspflege
- Volume
- 1 (1929)
- Issue
- 4 (Juli-August 1929)
- Date
- 1929-07-01
- Page
- Seite 201 (sequence 23)
- Language
- German
- Belongs to
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Es gelingt, ihr eine gute Arbeitsstelle zu verschaffen, in der sie jetzt schon fast ein Jahr lang arbeitet und in der sie durchaus eine Vertrauensstellung einnimmt. Die Fürsorgerin besucht in dieser Zeit mit Hertha Kinos, fördert ihre Lust am Bücherlesen und freut sich, wenn sie ein neues schönes Kleid an hat. Schließlich verlangt Hertha selber nach einem Zusammenhang mit gleichaltrigen Jugendlichen. Sie hat sich seit kurzem einer Jugendorganisation angeschlossen, in der sie sich schnell eingelebt hat. Sic fühlt sich nicht mehr einsam. Ihre Minderwertigkeitsgefühle sind geschwunden. Auch in vielen Fällen recht weit vorgeschrittener Vervvahrlosung leistet eine Schutzaufsicht, losgelöst von erzieherischen Gesichtspunkten, durch reine Hilfsbereitschaft schon Wesentliches. Gerda L., ein 2()jähriges Mädchen vom Lande, kommt nach Berlin, nimmt eine Dienstmädchenstelle an und versagt. Das erstemal wurde sie fristlos entlassen, als sie erst morgens nach Hause kam. Ein anderes Mal reizt sie der neue Mantel der Freundin. Ihren Lohn hat sie bereits verausgabt; sie begeht einen Diebstahl, um sich den gleichen, kaufen zu können. Als sie aus der Haft entlassen ist, kommt sie ins Pflegeamt. Sie hatte ihren Koffer zum Bahnhof gebracht, und nachdem ihr während ihres Aufenthaltes im Pflegeheim eine neue Stellung verschafft werden konnte, will sie sich den Koffer holen. Sie trifft unterwegs eine Bekannte, geht mit ihr ins Cafe und gibt dieser ihren Gepäckschein, da die Freundin ihr verspricht, den Kol ler billiger einzulösen! Minna wartet am Bahnhof vergeblich auf die Freundin und sieht sie nicht wieder. Sie geht zum Schalter und sieht, daß ihr Koller noch da ist. Sie läßt ihn nicht sperren, sondern geht zum Pflegeamt zurück. Die Fürsorgerin, die selber gerade nicht fortgehen kann, ruft bei einer älteren ihr bekannten Heilerin einer Frauenhilisvereinigung an und bittet diese, sofort mit Minna zum Bahnhof zu gehen. Es gelingt dieser die Auslösung des Koffers. Sie bringt Gerda in die neue Stelle und übernimmt die weitere Schutzaufsicht. Gerda geht oft zu der Hellerin, die immer ein williges Ohr für ihre kleinen Nöte hat. Durch ihre stete Hilfsbereitschaft ermöglicht sie es, daß Gerda vor weiterer Verwahrlosung geschützt wird, ohne daß sie hierfür zu größeren Mitteln greifen muß. Ein großer Teil der Schützlinge wird im Pflegeamt nachgehend betreut, ohne daß es sieh hierbei um eine erzieherische oder bewahrende Schulzaufsicht handelt, sondern hier besteht die Fürsorge nur darin, daß die Schützlinge wissen, es gibt eine Stelle, an die sie sich ohne weiteres in der Not wenden können. Oft ist diese Stelle auch für sie ein Ersatz für die fehlende Heimat. Käthe W. wurde dem Pflegcamt bekannt, als sie schon viele Jahre traurigstes Dirnenleben hinter sich hatte. Die innere Vereinsamung drückt sie am meisten. Sie hat Geburtstag, irrt in den Straßen umher, mit dem festen Entschluß, aus dem Leben zu gehen. Sie fürchtet sich vor ihrem Zimmer, in dem sie nie mit einem ihr lieben Menschen zusammen ist, sie fürchtet sich vor der Wirtin, die sich 201