Zeitschrift für jüdische Wohlfahrtspflege
- Journal
- Zeitschrift für jüdische Wohlfahrtspflege
- Volume
- 1 (1929)
- Issue
- 4 (Juli-August 1929)
- Date
- 1929-07-01
- Page
- Seite 200 (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
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Eltern ein, die das Mädchen längst tot geglaubt hatten. Sie wollen Erna gern wieder bei sieh aufnehmen. Aber jetzt schämt sie sich davor, ohne Sachen und ohne Geld nach Hause zu fahren. Sie möchte erst wieder arbeiten und dann nach Hause fahren. Vor der Arbeitsvermittlung selbst schrickt sie zurück. Sie könnte nicht mehr arbeiten und niemand würde sich ein Mädchen nehmen, das so wie sie gelebt habe. Sie willigt gern in ihre Einweisung in die Arbeiterinnenkolonie nahe bei Berlin ein. Iiier fühlt sie sich sehr wohl, sie arbeitet gut unter Anleitung und gewinnt allmählich wieder ihr Selbstvertrauen zurück. — Nach wenigen Monaten konnte sie schon in eine Dienststelle vermittelt werden; für neue Kleidung war indessen gesorgt worden. Mit den Eltern steht sie in regelmäßiger Verbindung. Sowie sie Urlaub hat, wird sie zu ihnen hinfahren. Mit besonderer Vorsicht wird die Einweisung von Jugendlichen in Erziehungsheime oder in hauswirtschaftliche Schulen unternommen. In vielen Fällen, in denen es auf Grund äußerer Geschehnisse zunächst notwendig erscheint, Heimerziehung anzuordnen, gelingt die Rückführung der Jugendlichen durch eine sachgemäß geführte Schutzaufsicht. Hertha W., 17 Jahre alt, der Vater Eisenbahnhilfsschaffner in einer Kleinstadt im Osten, kommt mit 14 Jahren nach Berlin, um sich hier eine Stellung zu suchen. Sie arbeitet zur größten Zufriedenheit ihrer Arbeitgeber li/2 Jahre lang in einem Villenhaushalt. Anfangs steht sie noch mit den Eltern in Briefwechsel, doch bald hört dieser äußere Verkehr, der ihr nichts bedeutet, auf. Nach einiger Zeit stellt sich die große Sonntagnachmittag-Lnngcweile bei ihr ein. Da sie sehr hübsch ist, wird sie öfters angesprochen, einmal geht sie auch mit einem „feinen jungen Herrn" mit und besucht mit ihm ein Kino. Sie gerät in eine wahre Kinobegeisterung und wartet nun jeden Sonntag darauf, bis ihr Herr sie zum Inskinogehen abholt. Nach einigen Wochen der Kinofreundschaft lädt sie der Freund zu sich ein; sie folgt ihm und kommt erst am Morgen in ihre Dienststelle zurück. Sie wird fristlos entlassen und steht auf der Straße. Sie hat keine Freundin, wagt nicht, zu ihrem „Herrn" zu gehen und kommt nicht auf den Gedanken, sich an ihre Eltern zu wenden. Nachdem sie den ganzen Tag umhergeirrt ist, geht sie mit dem ersten Mann mit, der sie anspricht. Bereits am fünften Tage dieses ihr schrecklichen Lebens erzählt sie einem Mann, dem sie gefolgt ist, von ihrer Lage, aus der sie selber keinen sachlichen Ausweg mehr sieht. Dieser bringt sie noch am selben Abend in ein ihm bekanntes Mädchenheim, deren Leiterin Hertha dem Pi'lcgeamt zuführt. Hertha, wird hier zunächst untersucht und da eine frische Infektion festgestellt wird, in das Krankenhaus für geschlechtskranke Jugendliche gebracht. Eine. Rückführung des Mädchens zu den Eltern erschien nicht angebracht, es fehlten dem Mädchen die inneren Beziehungen zu diesen, ihre leidenschaftliche Liebe für Kino und Großstadtcafe hätten sie wieder fortgelockt. Es gelingt nach mehreren ausführlichen Rücksprachen im Krankenhaus, einen inneren Kontakt mit Hertha herzustellen. Die Gefahr, in der sie geschwebt hatte, wird ihr bewußt gemacht; Hertha spürt aber, daß man durchaus das Vertrauen in sie setzt, daß sie aus eigenen Kräften wieder in ein geordnetes Leben zurückkehren wird. 200