Zeitschrift für jüdische Wohlfahrtspflege
- Journal
- Zeitschrift für jüdische Wohlfahrtspflege
- Volume
- 1 (1929)
- Issue
- 4 (Juli-August 1929)
- Date
- 1929-07-01
- Page
- Seite 199 (sequence 21)
- Language
- German
- Belongs to
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gerichtet haben. Der Charakter dieser Abende weicht grundsätzlich von dem der üblichen Jugendabende ab. Man spielt nicht Volkstänze, hat keine theoretischen Besprechungen; man geht auch nicht am Sonntag mit den Mädchen gemeinsam ins Freie (man hat ja erst Sonntagnachmittag nach dem Abwaschen frei), sondern man tanzt zusammen Walzer oder auch Jazz nach dem Grammophon oder man macht ein vergnügtes Würstchenessen, zu dem jeder Junge oder jedes Mädchen, das davon erfährt, eingeladen ist, so daß man zunächst einem Cafe oder einem Kino ebenbürtig erscheint. Aber wenn inmitten dieser lustigen Abende einmal ein Mädchen dem Jugendhelfer, mit dem es gerade getanzt hat, erzählt, daß man ihm gekündigt hat und es sich nicht traut, dies nach Hause zu schreiben, aber aucli nicht weiß, wo es hingehen soll, so kann hier rechtzeitig ratend und helfend eingegriffen werden. Bei allen Maßnahmen, die das Pflegeamt trifft, um Schützlinge wieder in das freie Leben einzuordnen, muß aber festgestellt werden, ob dies möglich ist. In allen zweifelhaften Fällen und bei allen Jugendlichen unter 18 Jahren wird darum erst der Rat der Psychiaterin in Anspruch genommen, die täglich im Pflcgcamt arbeitet. Oft werden Einweisungen in Heil- und Pflegcanstaltcn oder in Bewahrungsheimc (bei Schwachsinnigen mittleren Grades) notwendig. Bei vielen Volljährigen und bei Minderjährigen über 18 Jahre besteht sehr oft der Wunsch nach einem neuen geregelten Leben, doch es fehlt ihnen jegliche Arbeitskenntnis, oder sie sind der Arbeit völlig entwöhnt. Hier leisten die Arbeiter- und die Arbeiterinnen- Kolonien wertvolle Hilfe. Erna M. wird im Laufe eines Jahres fünfmal von der Polizei aufgegriffen und dem Pflegeamt zugeführt. Sie ist 22 Jahre alt, Tochter eines Bürobeamten einer nördlichen Kleinstadt. Seit l'/s Jahren lebt sie in Berlin. Die Gründe für den Abbruch ihrer Beziehungen zum Elternhaus sind ungeklärt. Bei den Verhandlungen mit der Fürsorgerin ist Erna äußerst zutraulich und freundlich. Sic hat ein frisches offenes Gesicht, sie geht gern darauf ein, daß sie in Stellung vermittelt werden soll. Aber vom Weg zum Nachweis oder von irgendeiner Besorgung kehrt sie nicht ins Pflegeheim zurück. Sie steht völlig unter dem Einfluß leichtlebiger Freunde und kann keinen inneren Widerstand gegen deren Versuchung aufbringen. Bei ihrer letzten Zuführung zeigen sich deutliche Verwahrlosungsspuren bei ihr. Sie trägt ein völlig zerrissenes Kleid, sieht abgespannt aus, und ist weit unsicherer als vorher. Nachdem sie sich einige Tage im Pflegeheim aufgehalten hat, gelingt es in einem Gespräch über ihre Heimat, sie dazu zu bringen, daß sie an jhre Eltern schreibt. Sie zerreißt aber den Brief vor dem Abschicken und bittet, daß die Fürsorgerin an den Vater schreibt. Als Antwort geht ein erschütternder Brief der 199