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Zeitschrift für jüdische Wohlfahrtspflege · 1929-07-01 · 4 (Juli-August 1929) · p. Seite 193

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Journal
Zeitschrift für jüdische Wohlfahrtspflege
Volume
1 (1929)
Issue
4 (Juli-August 1929)
Date
1929-07-01
Page
Seite 193 (sequence 15)
Language
German
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Das deutsche und internationale Judentum hat sich seit Jahrzehnten mit den Fragen des sogenannten Mädchenhandels beschäftigt. Schon im Jahre 1897 (also vor der Gründung des „Deutschen Nationalkomitees zur Bekämpfung des Mädchenhandels") hat die Großloge ein Komitee mit dem Sitz in Hamburg gegründet, das dem Studium der Frage und der Bekämpfung des „Mädchenhandels" dienen sollte. Man organisierte Konferenzen in Ost und West, versuchte die jüdische und nichtjüdische Öffentlichkeit aufzuklären und auf die Gefahr hinzuweisen; man begann auch produktive Hilfsmaßnahmen im Osten selbst in die Wege zu leiten. Im Jahre 1906 kam es zu einer Spaltung des Komitees, weil die Berliner unter Führung von Marctzki sich auf reine Organisationsmaßnahmen beschränkten, die Hamburger hingegen unter Führung von Tuch das Übel an der Wurzel fassen wollten und auf umfassende wirtschaftliche Hilfsmaßnahmen, insbesondere für Galizien, drangen20). Vielfache jüdische Konferenzen, deutsche und internationale, haben dich inzwischen weiter mit der Frage beschäftigt. Die Fragestellung aber hat sich seit 1906 nicht geändert: Organisatorische, gesetzgeberische, pädagogische Maßnahmen werden an dem Tatbestand nichts ändern. Notwendige wirtschaftliche Hilfsmaßnahmen größten Stils scheitern an ihren finanziellen Erfordernissen und an der traurigen Tatsache, daß der Wirtschafts- und Lebensraum der jüdischen Massen im Osten zu eng und durch künstliche Mittel nicht zu erweitern ist. Man kann die Fragen der jüdischen Prostitution im Osten nicht trennen von den Fragen des Wirtschaftsboykotts, des Verlustes jahrhundertelanger wirtschaftlicher Positionen, des Luftmenschentums, der Wanderung und Auswanderung, der Staatenlosigkeit, der Familientrennung, der Jugenderziehung u. a. m.21). Isolierte Hilfsmaßnahmen können vielleicht im Einzelfall Abhilfe schaffen, die Gesamtsituation wird sich dadurch, — genau wie bei allen anderen Völkern — nicht ändern. Das kann natürlich nicht heißem, daß alle Maßnahmen zum Schutze von Frauen und Mädchen, insbesondere auf der Wanderung, weil unzulänglich, unterbleiben sollten. Es heißt vielmehr: die Dinge nüchtern sehen, sich vor Übertreibungen (insbesondere in unseren eigenen Reihen) hüten, das Unzulängliche der Maßnahmen erkennen und das Mögliche tun. ~°) Vgl. Wagener, Das deutsche Nationalkomitee zur internationalen Bekämpfung des Mädchenhandels, Berlin, 1913, S. 37—49. ") Vgl. das Referat von Paula Ollendorff. Blätter des jüdischen Frauenbundes, 3. Jahrg., Nr. 10, Juli 1927. 193

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