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Zeitschrift für jüdische Wohlfahrtspflege · 1929-07-01 · 4 (Juli-August 1929) · p. Seite 190

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Journal
Zeitschrift für jüdische Wohlfahrtspflege
Volume
1 (1929)
Issue
4 (Juli-August 1929)
Date
1929-07-01
Page
Seite 190 (sequence 12)
Language
German
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über die Enge ihres Daseins hinausdrängen, die die ihnen gesetzten ökonomischen Fesseln sprengen wollen, und die hierzu keinen anderen Weg sehen als den Weg über den Verkauf ihres Körpers. Ihr Ideal ist Geldverdienen, um wirtschaftlich unabhängig zu werden, ihr Triebmoment das Erringen all jener Formen und Erleichterungen des täglichen Daseins, die Frauen anderer Schichten als Selbstverständlichkeiten ansehen. Ergebnis Wenn dem so ist, wenn die entscheidenden Ursachen des sog. Mädchenhandels auf wirtschaftlichem und sozialem Gebiete zu suchen sind (wobei keineswegs die Rolle sonstiger Faktoren geleugnet, sondern nur als sekundär erklärt wird), so können Hilfsmaßnahmen und Bekämpfungsmöglichkeiten, ernsthaft gewollt, ebenfalls nur unter wirtschaftlichem und sozialem Aspekt gesehen werden. Die Prostitution und der „Mädchenhandel" (in oben definiertem Sinn) werden aber in Literatur und Erörterungen zumeist unter Gesichtspunkten betrachtet, die es dem ernsthaften Beurteiler schwer machen, nur an die dem Problem immanenten Erfordernisse und Notwendigkeiten zu glauben. Darüber hinaus werden oft Hilfsmöglichkeiten auf Gebieten gesucht, die erst in zweiter Linie diesem Zwecke gerecht werden können. So fordert Alexander de Werth15) in seiner sonst durchaus sachkundigen und objektiven Veröffentlichung, daß Elternhaus, Schule und Staat mehr Gewicht auf die charakterliche und sittliche Festigung der Jugend legen sollten. Dieses Programm — so fürchten wir — wird leider die Prostitution mit all ihren Begleitumständen weder mindern noch aus der Welt schaffen. Man sichere hingegen jedem Menschen den notwendigen Lebensbedarf, und man wird ihn der Notwendigkeit entheben, seinen Körper zu verkaufen. Wenn die Arbeit nicht lohnt und das Brot nicht garantiert, wenn sie dem Menschen die primitivsten Erfordernisse eines menschenwürdigen Daseins nicht sichert, dann nützen alle pädagogischen Programme, alle organisatorischen Unternehmungen, alle internationalen Konferenzen nichts, so gut und so ernsthaft sie auch gemeint sein mögen. So lange die Prostitution unter den gegebenen wirtschaftlichen Verhältnissen besteht — und bislang sind keine brauchbaren Vorschläge gemacht worden, sie abzuschaffen —, so lange wird man auch mit ihren eigentümlichen Erfordernissen 1£>) Werth, a. a. O. S. 41. 190

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