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Zeitschrift für jüdische Wohlfahrtspflege · 1929-07-01 · 4 (Juli-August 1929) · p. Seite 189

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Journal
Zeitschrift für jüdische Wohlfahrtspflege
Volume
1 (1929)
Issue
4 (Juli-August 1929)
Date
1929-07-01
Page
Seite 189 (sequence 11)
Language
German
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man nicht einem unkritischen Ressentiment verfallen, nicht aus dem Auge lassen. Welches sind nun die Ursachen dieser sicherlich traurigen Tatbestände? Die individuellen, psychologischen Ursachen, die menschliche „Verdorbenheit" spielen eine verhältnismäßig geringe Rolle. Entscheidend sind die ökonomischen Tatsachen, die dauernd wirksam sind. Eine kürzlieh erschienene Veröffentlichung14), die sich auf eingehendes Material stützt, scheint allerdings dieser Feststellung zu widersprechen. Elga Kern hat kurz vor Aufhebung der Bordelle in Baden mit staatlicher Unterstützung die Herkunft, die Schicksale einiger Prostituierter verfolgt und das Ergebnis ihrer Untersuchungen, schematisch geordnet, der Öffentlichkeit vorgelegt. Welches war nun das Triebmoment, das diese Frauen der kasernierten Prostitution in die Arme trieb? Die ökonomische fundierte Milieutheorie hat zunächst die wirtschaftliche Notlage als die Ursache weiblicher Prostitution angesehen, während die individuell psychologische Betrachtungsweise sie zunächst in der psychologischen Artung („Minderwertigkeit") suchte. Die vorliegende gründliche Untersuchung an 35 Frauen weist nur in wenigen Fällen unmittelbare wirtschaftliche Not als treibenden Faktor auf und würde somit — falls diesen Beispielen typische Bedeutung beizumessen ist — die ökonomische Theorie ihres bisherigen W'ertes als Ursachenlehre der Prostitution entkleiden. Aber nur für den oberflächlichen Beobachter, der den Begriff der ökonomischen Ursache allzu eng mit rein wirtschaftlicher Not (Fehlen des täglichen trockenen Brotes) identifiziert, der nicht sieht, daß Enge des täglichen Daseins, Fehlen jeglicher Erziehung und jeder weiteren Bildungsmöglichkeit, ständiges Verknüpftsein mit primitiver mechanischer Arbeit ohne geistige freiheitliche Antriebs¬ und Ruhemomente, ohne verständnisvolle und fördernde Bindungen an Familienleben oder Klassenschichtung — daß all dieses und einiges mehr Resultate mangelnder ökonomischer Entfaltungsmöglichkeiten sind. Es überrascht daher keineswegs, daß alle die von K. geschilderten Frauen der proletarischen Schicht oder dem hart ans Proletariertum grenzenden Kleinbürgertum entstammen. So gesehen, sind es keineswegs die schlechten, „minderwertigen" Charaktere dieser Schichten, die der Prostitution anheimfallen, sondern gerade jene Typen, die u) Elga Kern, Wie sie dazu kamen. 35 Lebensfragmente bordellierter Mädchen, Verlag Ernst Reinhardt, München. Vgl. auch Schneider, Studien über Persönlichkeit und Schicksal eingeschriebener Prostituierter. Berlin 1926. 189

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