Zeitschrift für jüdische Wohlfahrtspflege
- Journal
- Zeitschrift für jüdische Wohlfahrtspflege
- Volume
- 1 (1929)
- Issue
- 3 (Mai-Juni 1929)
- Date
- 1929-05-01
- Page
- Seite 173 (sequence 51)
- Language
- German
- Belongs to
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gung durch den Zusammenprall mit der Wirklichkeit im Krieg erlitten hat, kommt er zu einer Darstellung der Jugendbewegung von heute, in der er die freie Jugendbewegung und die religiös und politisch orientierten Bünde unterscheidet. Die letzteren sind vielfach mehr Jugendpflegcgruppen. Er bespricht auch die jüdische Jugendbewegung und lehnt es ab, sie als zu den religiösen Gruppen zugehörig zu betrachten. Die Kameraden sind nach ihm durchaus der freien Jugendbewegung zuzuzählen. Den Höhepunkt der jüdischen Jugendbewegung sieht er in dem Blau-Weiß, und die bedeutendsten Organisationen scheinen ihm die, welche zionistische Bestrebungen zu verwirklichen suchen. Es scheint Bondi nicht bekannt zu sein, daß der Blau- Weiß gar nicht mehr vorhanden ist. Die jüdische Jugendbewegung der Gegenwart kennt er offenbar nicht, sonst hätten Bünde, wie der J. J.W. B., Esra, Iii, Kadimah, Jugendverband, behandelt oder erwähnt werden müssen. Bondi befaßt sich auch mit der Frage, ob die Jugendbewegung nun wirklich „tot" ist. Er glaubt, und darin dürfte er wohl recht haben, daß die eigentliche Jugendbewegung tatsächlich nur die Bewegung einer Generation war, alles spätere Nachahmung. Je mehr die gesteckten Ziele erreicht wurden, desto mehr ließ auch die Bewegung nach. Sehr fein ist, was er über Lage und innere Haltung der heutigen Jugend sagt. Dankbar sind wir ihm für die Darlegung des großen Einflusses der Jugendbewegung auf die Pädagogik: Eigenwert der Jugendzeit, Gemeinschaftserziehung; Verhältnis zwischen Lehrer und Schüler, Erzieher und Zögling immer mehr das von Führer und Geführtem. Die katholische Jugendbewegung wird dann in ihrem Wesen und ihrer Entwicklung von Josef Emonds außerordentlich klar und übersichtlich dargestellt, und der Berliner Stadtrat Dr. Kurt Löwen stein gibt einen kurzen Ueberblick über die Entwicklung der Kinderfreundebewegung, die es in Deutschland erst seit 1919 gibt und die heute bereits durchschnittlich 200 000 Kinder mit 10 000 ehrenamtlichen Helfern zwischen 18 und 30 Jahren erfaßt. Die Kinderfreundebewegung ist ausgesprochen sozialistisch. Sie will Erziehung zum Sozialismus und zur Demokratie, die sie durch Selbstverwaltung zu erreichen sucht. Ob es allerdings einen Sinn hat, die Kinder zu genossenschaftlichem Denken zu erziehen, wie Löwenstein es vorschlägt — er spricht geradezu davon, daß die Kinder die „genossenschaftliche Versorgung erleben" sollen — muß stark bezweifelt werden. Der 5. Abschnitt behandelt Erziehungshilfe bei Fehlentwicklung. Ruth von der Leven bespricht Psychopathenerziehung und heilpädagogische Anstalten, Klopfer Erziehungsberatungsstcllen, Dr. Otto Flug die Fürsorgeerziehung und Landgerichtsdirektor Herbert Francke die Kriminalpädagogik. Ruth von der L e y e n weist darauf hin, daß die wesentlichste Errungenschaft der neuesten Jahre in der Psychop ath e n er z ie h un g ist, daß sie normale Erziehung ist unter Berücksichtigung der psychopathischen Konstitution des Kindes. Die bedeutendste Abhandlung ist wohl die von Otto Flug über die Fürsorgeerziehung, die sich seit dem Eingreifen der heilpädagogischen Psychiatrie in einer vollkommenen Umwandlung befindet. Sozialismus, Frauenbewegung und Jugendbewegung vor allem haben sich dieser Aufgabe angenommen und hierin Ausgezeichnetes geleistet. Ausführlicher berichtet er über Wilkers Versuch im Lindenhof. In der Fürsorgeerziehung steht noch immer das öffentliche Interesse im Mittelpunkt, und immer mehr muß das Interesse des Kindes an diese Stelle treten. Gerade bei Fürsorgepfleglingen scheint 173