Zeitschrift für jüdische Wohlfahrtspflege
- Journal
- Zeitschrift für jüdische Wohlfahrtspflege
- Volume
- 1 (1929)
- Issue
- 3 (Mai-Juni 1929)
- Date
- 1929-05-01
- Page
- Seite 172 (sequence 50)
- Language
- German
- Belongs to
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kommt sie zu dem Ergebnis, daß es die „letzte Stunde" der Möglichkeit des Eingreifens sei, da die Familie als Erziehungsfaktor nicht ausscheiden darf. Der Aufsatz ist vom christlichen Standpunkte aus geschrieben. Eine ausgezeichnete und sehr viel Anregung bietende Darstellung ist die von Anna von Gierke -Charlottenburg über Jugendwohl- 1' a h r t s w e s e n und Schule. Alle Maßnahmen zur gesundheitlichen Ueberwachung der Kinder, Erholungsfürsorge, offene, halboffene und geschlossene Fürsorge werden behandelt. Selbstverständlich auch Schulgesundheitspflegc und Erhol ungs- und Heilstätte. Für uns von besonderem Interesse ist die Darstellung der Erziehungs- und Heilstätten durch Direktor Tricbold, den Leiter der Waldschule Senne bei Bielefeld. Die Jugendpflege wird durch Pastor Günther Dehn- Berlin behandelt. Er grenzt sie zunächst gegen Jugendfürsorge und Jugendbewegung ab. Die Begriffe werden noch immer zu häufig verwechselt. Besonders in der Gegenwart ist vielfach der Unterschied nicht immer klar. Er spricht ausführlich von evangelischer, katholischer und Arbeiterjugendpflege. Dabei muß es uns befremdend berühren, daß die jüdische Jugendpflege so gut wie gar nicht berührt ist. Nur an einer Stelle sagt er: „es gibt auch einen Verband jüdischer Jugendvereine". Interessant sind die statistischen Angaben. Danach wäre z. Zt. ein Drittel der Jugend Deutschlands zwischen 14 und 21 Jahren, deren Gesamtzahl man auf 15 Millionen schätzt, jugendpflegerisch erfaßt; im ganzen etwa 3,5 Millionen Jugendliche, wobei allerdings die Sportbewegung miteingerechnet ist. Wenn man abzieht, daß vielfach Jugendliche doppelt gezählt sind, so bleiben nach Dehn etwa 20 bis 25 Prozent übrig. Ich glaube, daß eine Statistik für die jüdische Jugend verhältnismäßig viel ungünstiger ausfallen würde. Sehr lesenswert ist die Entwicklung der einzelnen Verbände, die er in konfessionelle und politische Jugendpflegebestrebungen gliedert. Die Jugendpflege hat dadurch eine sehr starke Entwicklung durchgemacht, daß Gedanken der Jugendbewegung in großem Ausmaß in sie eingedrungen sind. Man hat deshalb für diese Gruppen die Bezeichnung „organisierte Jugendbewegung" vorgeschlagen. Dehn wendet sich gegen die frühe politische Beeinflussung. Er glaubt, daß die Jugend hier „seelisch verbaut" werde. Sehr interessant ist für den, der in der jüdischen Jugendbewegung arbeitet, was Dehn über die Einstellung der Jugend sagt, die in diese Verbände kommt. Es sind nicht die besten unter den Jugendlichen, sondern etwa guter Durchschnitt. Auch das Problem des „Leiters", nicht Führers, in diesen Gruppen behandelt Dehn ausführlich und gibt noch zum Schluß Winke für Aufbau und Führung eines Jugendvereins. Nur die Lebensgemeinschaft kann die Jugend aus der individualistischen Verlorenheit, in der sie sich befindet, herausführen und in die Oede und Leere ihres Lebens wieder Erfüllung und Freude bringen. Es wird so oft darüber gestritten, ob und wie wir unsere Jugendpflegcgruppen gestalten sollen. Ich glaube, daß wir hier Dehn vollkommen zustimmen können, da unsere jungen Menschen vielleicht noch mehr als die anderen eingespannt sind in Verdienst und Vergnügen, und wesentliche und nächste Aufgabe für uns sein muß, ihnen in einer jüdischen Lebensgemeinschaft diese Erfüllung und Freude, von der Dehn spricht, zu geben. Kurt ßondi behandelt die deutsche Jugendbewegung. Nach einer kurzen geschichtlichen Darstellung, in der er auf die Krisis hinweist, die die Jugendbewe- 172