Zeitschrift für jüdische Wohlfahrtspflege
- Journal
- Zeitschrift für jüdische Wohlfahrtspflege
- Volume
- 1 (1929)
- Issue
- 3 (Mai-Juni 1929)
- Date
- 1929-05-01
- Page
- Seite 162 (sequence 40)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/4794429-4929550-8238433--176-4794601- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Kinder im sogenannten Kinderrat. Als Ergebnis einer sehr heftigen Wahlpropaganda sind seine sechs Mitglieder (drei Jungen und drei Mädchen) für die Dauer von drei Monaten berufen und wählen sich als Mitglied einen Erzieher, der an den etwa einmal wöchentlich stattfindenden Sitzungen teilnimmt. Durch allmählich fortschreitende Selbstverwaltung der Kinder hoffen wir einen Weg gefunden zu haben, auf dem sie zur Verantwortlichkeit und zu dem Bewußtsein der Verpflichtung dem Ganzen gegenüber erzogen werden. Selbstverständlich spielt die Persönlichkeit des Erziehers innerhalb des Kinderrats eine sehr wesentliche Rolle und ohne daß es den Kindern zu Bewußtsein kommt, geht die Anregung vielfach von ihm aus. Wie weit wir unserem Ziel bis jetzt schon näher gekommen sind, läßt sich nach den wenigen Monaten schwer beurteilen. Eigentlich kann ich nur von zwei Jungen sagen, daß sie den Kern der Sache richtig erfaßt haben und eine positive Erziehungsstütze sind. Anfangs wußten die Kinder überhaupt wenig mit ihrer Vertretung anzufangen und als ersten Fortschritt begrüßen wir die recht häufige Inanspruchnahme, sei es auch nur zur Schlichtung von Streitigkeiten, zu Klagen über Nichterfüllung der Pflichten oder sogar nicht selten zu Beschwerden über ungerechtfertigt scheinende Behandlung von Seiten der Erzieher. Sache des Erziehers, der die Sitzungen leitet, ist es eben, den Wünschen der Kinder Rechnung zu tragen und dabei doch dem Geist der Sitzungen das richtige Gepräge zu verleihen. Der Kinderrat hat übrigens auch in recht anerkennenswerter Weise zu den Vorbereitungen für die schöne Ausgestaltung unserer jüdischen Feste beigetragen; während der Weihnachtsferien haben wir auf seinen Wunsch bei Tisch die Kinder nach Alter und Geschlecht gemischt zusammengesetzt und wirklich dadurch größere Ruhe während der Mahlzeiten erzielt. Durch seinen Beschluß sind 15 Kinder ausgewählt, welche die Berechtigung haben, sich jederzeit im Lesezimmer aufzuhalten und die dort aufliegenden Zeitschriften und Tageszeitungen zu benützen. Mit großer Begeisterung kommen die älteren Kinder zu den wöchentlich stattfindenden Zeitungsabenden und neben dem natürlichen Interesse aller Kinder an Kriminalaffären, sind sie im Vergleich zu ihrer sonstigen Reife, politisch ziemlich interessiert, und zwar stark links gerichtet. Um das geistige Niveau unserer Kinder zu heben und ihr recht geringes Allgemeinwissen zu erweitern, halten wir während des Winters Kurse ab, zu denen sich die Kinder nach Belieben einschreiben können. Dem kindlichen Bedürfnisse und seinen Wünschen Rechnung tragend, sind sie aus den verschiedensten Lebens-, Kunst- und wissenschaftlichen Gebieten zusammengestellt und am Schlüsse des Zyklus von sechs Abenden halten einzelne Kinder aus den verschiedenen Kursen zusammenfassende Referate über das, was sich ihnen als wesentlich eingeprägt hat. Diese Kurse erfreuen sich außerordentlicher Beliebtheit und die Kinder sind sehr traurig, wenn eine Stunde verlegt werden muß. An den Kui-slcitcr stellen sie ziemlich hohe Anforderungen, da ihr Interesse ständig durch episodenhafte Erzählungen angeregt werden muß, die ihnen als der wesentliche Bestandteil der Vorträge erscheinen. Am deutlichsten kam das bei den Schlußreferaten zum Ausdruck, in denen sie diese Einzelheiten sehr stark betonten. Wenn die Kinder aus der Schule entlassen werden und ihr Verbleiben im Heime angebracht scheint, rücken sie ins Mädchenheim bzw. Lehrlingsheim auf. Die Jungen machen meist auf eigenen Wunsch eine handwerkliche Ausbildung durch und genießen im Lehrlingsheim erhöhte Freiheit; 162