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Zeitschrift für jüdische Wohlfahrtspflege · 1929-05-01 · 3 (Mai-Juni 1929) · p. Seite 161

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Journal
Zeitschrift für jüdische Wohlfahrtspflege
Volume
1 (1929)
Issue
3 (Mai-Juni 1929)
Date
1929-05-01
Page
Seite 161 (sequence 39)
Language
German
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altrigen und jüngeren Kameraden genug Möglichkeiten, sich auszuwirken, ohne sich auf Einzelfreundschaften zu konzentrieren. Auch die Beziehung zwischen Jungen und Mädchen ist sehr natürlich, nett und ungezwungen. In den ersten Tagen jedes Monats findet unter der Leitung der Oberin des Heimes unsere Kindersitzung statt, an der alle Schulkinder und Erzieher teilnehmen. Diese Sitzungen spielen eine ziemlich wichtige Holle im Leben des Heimes, die Kinder empfinden durchaus eine gewisse Hochachtung für diese Versammlungen, was praktisch dadurch zum Ausdruck kommt, daß die Beschlüsse, welche in der Sitzung gefaßt werden, viel tieferen Eindruck auf die Kinder machen, als jede andere Form der Ermahnung. Ein wichtiger Bestandteil der Sitzungen ist die durch die Kinder vorgenommene Verteilung der Pflichten und Aemter, die jedes Schulkind im Laufe des Monats im Haushalte zu erfüllen hat. Von der Kindcrvcrsammlung wird ein Kind bestimmt, das die Aufsicht über die gewissenhafte Ausführung dieser Pflichten übt. Auch unsere Kleineren, 6 -8jährigen, melden sich zum Wort und bringen recht häufig Klagen gegen ihre „Mütter" oder „Väter" vor, die sieh angeblich nicht genug oder nicht in der von den Jüngeren erwünschten Art um sie annehmen. Auch Reklamationen der Kinder, die z. B. das Essen, das Abends-zu-Bette- Gehen u. a. betreffen, kommen neben recht brauchbaren Verbesserungsvorschlägen dabei zur Sprache. - Sämtliche Kinder über zehn Jahre bekommen ein Taschengeld, das nach Altersklassen abgestuft ist und dessen Bezug für die Kinder ein Recht bedeutet, dessen Inanspruchnahme an die gewissenhafte Ausführung der Pflichten gebunden ist. Jede Gruppe wählt ein Kind, das die Sparkassen verwaltet und die Kinder führen über ihre Einnahmen und Ausgaben Buch. Um den Arbeitseifer anzuregen und den Kindern die Möglichkeit zu geben, einen kleineren Verdienst sinngemäß zu verwenden und dadurch den Wert der Waren einigermaßen einschätzen zu lernen, sind wir vor einigen Monaten dazu übergegangen, freiwillige Mehrarbeit der Kinder zu bezahlen. Beispielsweise bekam jedes Mädchen 5 Pf. für jedes Paar Strümpfe bezahlt, das sie über die vorgeschriebenen zehn Paare pro Monat gestopft hatte. Von den obligatorischen zehn Paaren wurden sechs ebenfalls bezahlt, doch floß der Erlös der Gruppenkasse für allgemeine Anschaffungen zu. Der Vorschlag der Leiterin, sich auf diese Weise bis zu den Weihnachtsferien 10 M. zu verdienen, um eine mehrtägige Winterfahrt zu unternehmen, fand erst begeisterte Aufnahme. Als aber die Ferien herankamen und die meisten Kinder wirklich das Geld beisammen hatten, wurde der Plan verworfen, da sich die Kinder nicht entschließen konnten, das sauer verdiente Geld für die Fahrt auszugeben. Obwohl der Arbeitseifer unbedingt angeregt wurde, haben wir das Entlohnungssystcm vorerst aufgegeben, da der Trieb, Geld zu verdienen, zwar gestärkt, aber keineswegs das Gefühl der Verantwortung und Verpflichtung gegenüber dem Ganzen erhöht worden ist. Vielleicht läßt sich für die Erreichung dieses Zieles manches tun, wenn wir nach kurzer Pause das System der Bezahlung durch eine verbesserte Methode wieder aufnehmen. Ich empfinde bei unseren Heimkindern überhaupt sehr häufig den Mangel eines Gefühls des Verpflichtetseins dem Hause gegenüber, den Unwillen gegen freiwillige Leistungen für das Ganze, von dem sie doch jede Vergünstigung als Selbstverständlichkeit beanspruchen. Um die Verantwortlichkeit und das Gefühl, zur Mitarbeit am Gedeihen des Heims verpflichtet zu sein, zu stärken, haben wir seit sieben Monaten eine ständige Vertretung der 161

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