Zeitschrift für jüdische Wohlfahrtspflege
- Journal
- Zeitschrift für jüdische Wohlfahrtspflege
- Volume
- 1 (1929)
- Issue
- 3 (Mai-Juni 1929)
- Date
- 1929-05-01
- Page
- Seite 160 (sequence 38)
- Language
- German
- Belongs to
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8—10 Pfund zugenommen haben. Nicht nur die körperliche Erholung, sondern auch das seelische Moment spielte hier eine große Rolle; was es für einen Menschen, der ein ganzes Jahr im Büro oder im Warenhaus in schlechter Luit arbeiten muß, heißt, sorglos 14 Tage bei guter Verpflegung und in netter Gesellschaft leben zu können, das kann nur der ganz beurteilen, der diese Mädchen vor der Reise und nachher gesehen hat. Die Mädchen zahlten pro Tag 2 M. für gute rituelle Verpflegung, die Mehrkosten wurden von den hiesigen Logen getragen. Auch bei dieser Erholungsfürsorge ist ein Weg gewiesen, mit nicht zu großen Mitteln die allgemeine Fürsorge dort zu ergänzen, wo sie leider noch unvollkommen ist. Die Verschickung durch die Krankenkasse kommt nur bei schweren Erkrankungen in Frage; eine Möglichkeit der Erholung gibt es sonst nicht, um so weniger als rituelle Heime ziemlich teuer und auch nicht dafür eingerichtet sind, diese Mädchen für so kurze Zeit, wie es oft sein muß^ aufzunehmen. Frida Szilard. Erziehungswille und Erziehungsmöglichkeit Ein Blick in das Jüdische Kinder- und Jugendheim Aliawah (Berlin N, Auguststr. 14/15) Aus dem ehemaligen Jüdischen Krankenhaus, einem kasernenartig anmutenden Ziegelbau, ist ein Kinderheim geworden mit freundlichen hellen Räumen und ganz modernen farbenfrohen Möbeln, Blumen und Bildern. Ueber 100 Kinderim Alter von zwischen 3 und 18 Jahren, deren geordnete Erziehung hauptsächlich aus wirtschaftlichen Gründen im Elternhaus nicht möglich ist, finden ein Heim in der Ahawah. Den Altersklassen entsprechend leben die Kinder in Gruppen zusammen, Kindergarten, kleine und große Schulmädchen und Jungen, Lehrlinge und schulentlassene Mädchen. Die Schilderung des Lebens in den einzelnen Gruppen ist ohne besonderes Interesse, da es sich wohl nicht wesentlich von der Arbeit in anderen Heimen unterscheidet. Die Erziehungstendenz ist religiös und die Kinder bringen allem Jüdischen lebhaftes Interesse entgegen. Die Arbeit ist durch das Streben bestimmt, jedes Kind seiner Veranlagung entsprechend zu fördern und allen Kindern die Entbehrung des Elternhauses durch ein frohes Gestalten ihrer Jugend zu ersetzen. Wenn wir freie Plätze haben, nehmen wir fast wahllos alle Kinder auf, die uns zugewiesen werden. Folglich haben wir in allen Gruppen, die jede etwa 14 bis 18 Kinder umfassen, psychopathische und schwererziehbare Kinder. Um die Förderung der Durchschnittskinder nicht zu stark zu beeinträchtigen, suchen wir anormale Kinder, die vielfach für die anderen Kinder eine wesentliche Störung bedeuten, von Zeit zu Zeit in Psychopathenheime einweisen zu lassen; im allgemeinen aber ist die Behandlung der leicht psychopathischen Kinder sicher günstig, weil diese Kinder äußerlich in keiner Weise eine Sonderstellung den anderen Kindern gegenüber einnehmen. Die Kinder nehmen sich oft in sehr netter Weise dieser seelisch oder geistig Minderbegabten an und besonders die Aeltcren bringen ihren Eigenarten viel Verständnis und Rücksicht entgegen. Auch das Verhältnis zwischen Größeren und Kleineren ist durchaus erfreulich und die älteren Mädchen versuchen oft mit guten Erfolgen ihre erzieherischen Künste. Weniger gut ist unser Versuch eingeschlagen, durch das Mütter- und Töchter-, Väter- und Söhnesystem einzelne Kinder der verschiedenen Gruppen fester aneinander zu binden. Der soziale Trieb findet durch das enge Zusammenleben mit so vielen gleich- 160