Zeitschrift für jüdische Wohlfahrtspflege
- Journal
- Zeitschrift für jüdische Wohlfahrtspflege
- Volume
- 1 (1929)
- Issue
- 3 (Mai-Juni 1929)
- Date
- 1929-05-01
- Page
- Seite 159 (sequence 37)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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denen man dann zu arbeiten anfangen kann. Wir haben leichte Näharbeiten machen lassen und versucht, sie an ein regelmäßiges Arbeiten zu gewöhnen. Im Oktober haben wir dann Kochunterricht hinzugenommen und die Arbeit so eingeteilt, daß die Hälfte der Mädchen (es waren im ganzen zehn) in der Küche beschäftigt wurden, die andere Hälfte mit Näharbeit; von Woche zu Woche wurde diese Arbeit abgewechselt. Am Nachmittag wurde gebastelt, gelesen, geschwommen; an einem Nachmittage mußte die Fortbildungsschule besucht werden. Wir waren überrascht, wie schnell die Mädchen sieh körperlich erholten. Allerdings mußten sie nach dem Essen zwei Stunden liegen und jedes dieser Mädchen wurde im Laufe des Sommers vier Wochen zur Erholung fortgeschickt. Es ist uns dann im Laufe des Jahres gelungen, fast alle Mädchen teils im Haushalt, teils im Geschäft unterzubringen, einige schon zu Ende des vergangenen Jahres, die anderen zu Ostern und wir sind ziemlich fest davon überzeugt, daß die Mädchen sich bewähren werden. Aus eigensinnigen, zu keiner Arbeit neigenden Mädchen sind ganz brauchbare Menschen geworden. Diese kleine Gemeinschaft ist natürlich eine viel bessere Erziehungsmöglichkeit als große Heime; hier kann auf jedes Mädchen eingegangen werden und oft brachte eine Ermutigung dieser sonst so unterdrückten Kinder viel Gutes zu Tage. Finanziell war die Unterhaltung des Heimes nicht so schwierig: die Stadt hat uns ein Lokal zur Verfügung gestellt, in welchem außer diesem Heim eine Kleiderkammer, Abendnähkurse und Heiniabende für berufstätige Mädchen und Nähnachmittage für Logenfrauen untergebracht sind. Die Miete von 100 M. wird dadurch nur zum kleinen Teil dem Tagesheim berechnet, die Lebensmittel werden durch einen täglichen Zuschuß der Stadt für das Mittagessen beschafft, so daß die Hauptausgabe das Gehalt für die Leiterin darstellt. Nachdem das erste Jahr einen sichtbaren, wenn auch bescheidenen Erfolg gebracht hat, wollen wir das Heim im zweiten Jahr insofern ausbauen, als wir eine Haushaltungslchrerin neben einer Schneiderin anstellen und so erreichen wollen, daß außer diesen berufsunreifen Mädchen auch andere schulentlassene Mädchen ein Jahr den Haushalt erlernen. Unser weiterer Plan geht dahin, einem Kindergarten, der im Laufe des kommenden Jahres einen Neubau erhalten soll, dieses Tagesheim anzugliedern, damit die Mädchen auch gleichzeitig Kinderpflege erlernen können. Der Kindergarten liegt ziemlich weit draußen, hat große Wiesen, so daß auch hier die Möglichkeit der körperlichen Ertüchtigung für diese Mädchen gegeben ist, denn immer wieder muß ich betonen, daß in erster Reihe die gesundheitliche Förderung notwendig ist, sonst sind diese Mädchen keineswegs imstande, irgendeine Stelle auszufüllen. Ein zweites wichtiges Moment in der Arbeit an der berufstätigen weibliehen Jugend ist die Erholungsfürsorge. Die kurze Urlaubszeit, die diese jungen Menschen haben, müssen sie meist aus Mangel an Geld und Unterbringungsmöglichkeiten in ihren schlechten Wohnungen zubringen. Und wie dringend notwendig haben diese Mädchen einmal eine Ausspannung in guter Luft! Auch hier wurden im vergangenen Jahre die ersten Versuche gemacht: wir haben ein kleines Blockhaus mitten im Hunsrückcr Wald gemietet, in welchem sechs Mädchen untergebracht werden konnten. Manche blieben acht, manche vierzehn Tage und einige vier Wochen, so daß wir 82 Mädchen einen einfachen aber doch sehr zuträglichen Erholungsaufenthalt gewähren konnten. Die Mädchen waren z. T. körperlich so geschwächt, daß sie in 14 Tagen 159