Zeitschrift für jüdische Wohlfahrtspflege
- Journal
- Zeitschrift für jüdische Wohlfahrtspflege
- Volume
- 1 (1929)
- Issue
- 3 (Mai-Juni 1929)
- Date
- 1929-05-01
- Page
- Seite 146 (sequence 24)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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nalen Kunst aber ist verfrüht, weil alle jüdische Kunstbetätigung seit der Diaspora Anpassungsprodukt ist. Wenn Deutschland sich auf seine Goethe, Schiller, Kant beruft, so können die Juden mit Jehuda Haie vi, Hillel, Maimonides antworten. Wenn Deutschland aber einen Beethoven ins Feld führt, müssen die Juden schweigen. Ihre unbegrenzte Fähigkeit zur Anpassung hat es mit sich gebracht, daß seit Jahrhunderten Juden die Musik der Nationen, unter denen sie lebten, teils mit- und nachschufen, teils künstlerisch ausführten. Selbst die Synagogenmusik, der Boden, dem die abendländische Kirchenmusik entsprossen ist, hat ihre Eigenart eingebüßt. Zersetzt von den Einflüssen der Umwelt, erhielten auch die wenigen Restbestände aus alten Zeiten ein neues Gewand, weil das Einfühlungsvermögen für die theoretischen Grundlagen altorientalischer Weisen erstorben ist. Ist vom jüdischen Volkslied die Rede, so wird darunter das Jargonlied mit slawischer Vertonung verstanden. Bemühen heutige Juden sich um die Neuschaffung einer spezifisch jüdischen Musik, so bieten sie mehr oder weniger das Produkt von jüdischem Empfinden und nichtjüdischer Umgebung. Daß dennoch jüdischer Geist in diesen Versuchen steckt, wird an anderer Stelle zu erwähnen sein. Ist es uns ernstlich um eine jüdische Musik zu tun, so wird die erste Bedingung sein, sie nicht künstlich konstruieren zu wollen. Wir haben keine Tradition und können eine solche nicht mit Gewalt herbeischaffen. Ebensowenig können wir in der Hoffnung verharren, daß das jüdische Volk auf eigenem Grund und Boden seine eigenen Lieder finden wird. Die Möglichkeit ist keineswegs ausgeschlossen, aber jedes Abwarten verbietet sich in einer Zeit, in der die ganze Zukunft der Juden auf dem Spiel steht. Palästina beherbergt überdies einen verhältnismäßig kleinen Teil der Juden, der von praktischen Forderungen viel zu stark angespannt ist, um Kunstprobleme zu lösen. Wenn einer Natioiialmusik volkserhaltcnde Kraft zuzuschreiben ist, so sind die über alle Länder zerstreuten Juden stärker auf sie angewiesen als die palästinensischen Juden. Es ist hier also vorwiegend von einem Diasporaproblem die Rede. Um so mehr wird es von Bedeutung sein, die Rolle der Musik in der deutschen Aufschwungsbewegung zu betrachten. Es werden im folgenden einige wesentliche Punkte aus den Musikerziehung betreffenden preußischen Ministerial- 146