Zeitschrift für jüdische Wohlfahrtspflege
- Journal
- Zeitschrift für jüdische Wohlfahrtspflege
- Volume
- 1 (1929)
- Issue
- 2 (März-April 1929)
- Date
- 1929-03-01
- Page
- Seite 114 (sequence 48)
- Language
- German
- Belongs to
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17. Jahrhundert keinen Zweig sozialen Lebens gab, für den nicht in den jüdischen Gemeinden in irgendeiner Weise Vorkehrung getroffen war". — Die Ausführungen über jüdische „B crufsfürsorge (Siddy Wronsky- Berlin) und Be rufsumsch ichtun g" (Erwin Baron-Berlin) führen in brennende soziale Tagesfragen hinein. Die Folgen der einseitigen Berufsschichtung unter den Juden, geschichtlich genugsam begründet, sind: Konzentration in den Städten, unter starker Entwicklung der intellektuellen und Verkümmerung der naturverbundenen Fähigkeiten; nach der wirtschaftlichen Seite und zumal im Osten, gesundheitliche, erziehliche und soziale Schäden mannigfacher Art. Hier versuchen die jüdischen Berufsberatungsstellen, seit 1910 von einer Reihe von Großstädten ins Leben gerufen, einzugreifen. Die jüdische Berufsfürsorge ist noch im Anfangsstadium ihrer Entwicklung. Sie ist erschwert durch das Fehlen einer exakten Statistik, wie auch durch die Notwendigkeit, sowohl die Wirtschaftslage als die Eigenart der betreffenden Kreise zu berücksichtigen. — Was die Berufs u ms c Ii i cht u n g betrifft, so gehen in Deutschland bewußte Versuche von jüdischer Seite, Juden produktiven Berufen zuzuführen, bis in den Anfang des 19. Jahrhunderts zurück. Dabei handelt es sich zunächst um Umsehichtungsbestrebungen zum Handwerk, die in Deutschland nicht ergebnislos verlaufen sind („Gesellschaft zur Verbreitung der Handwerke und des Ackerbaus unter den Juden des preußischen Staates" von 1812, Lehrlingsheime in Pankow, Düsseldorf, Marburg, Straßburg und Köln). Die landwirtschaftliche Ausbildung hat erst mit der Gründung der Erziehungsanstalt in Ahlem im Jahre 1893 und des „Vereins zur Förderimg der Bodenkultur unter den Juden Deutschlands" im Jahre 1897 einige Erfolge zu verzeichnen. Von den außerdeutschen Ländern sind im alten Oesterreich-Ungarn die Bestrebungen zur Schaffung von Heimindustrien für die notleidende Bevölkerung in Galizien zu vermerken; in den Vereinigten Staaten von Amerika, in Argentinien und Palästina, die dortigen kolonisatorischen Gründungen; und von Rußland, dem Lande größter jüdischer Massensiedlung, aus der jüngsten Zeit, die großzügigen Arbeiten von Agro-Joint, Ort und Ica, die Juden Sowjet-Rußlands zum Handwerk und zur Industrie heranzuziehen sowie zur Landwirtschaft umzuschichten. Dort im Osten dürften diese Bestrebungen dank den Umwälzungen in Rußland und der Unterstützung der Sowjet-Regierung von Erfolg gekrönt sein, dagegen im Westen scheint die Berufsumschichtungsarbeit bei aller Wirkung im einzelnen einen nur minimalen Einfluß auf die Berui'sstruktur der Juden auszuüben. Wir wollen unsere Auslese, die auf Vollständigkeit keinen Anspruch erhebt, schließen mit dem Hinweis auf die Artikel „Chalukka" (Abraham Jakob Brawer-Jerusalem), wo die geschichtliche Entwicklung der besonderen Fürsorge für die Armen Palästinas vom 2. bis 3. Jahrhundert an bis in unsere Zeit in übersichtlicher Weise dargestellt ist; sowie — last not least — Eugen C a s p a r y (Aron Sandler-Berlin). Caspary, der 1917 die Zentralwohlfahrlsstelle der deutschen Juden gegründet und 9 Jahre geleitet hat, nachdem er schon in den 90er Jahren, als 30jähriger, für die Einführung moderner Methoden in der jüdischen Sozialfürsorge (Arbeitsbeschaffung für entlassene Strafgefangene) erfolgreich eingetreten ist, hat insbesondere in den Jahren der größten Kriegs- und Nachkriegsnot als Leiter des neugeschaffenen Wohlfahrts- und Jugendamtes der jüd. Gemeinde in Berlin das gesamte Fürsorgewesen entscheidend beeinflußt. Rabbiner Dr. Rosenthal-Köln. 114