Zeitschrift für jüdische Wohlfahrtspflege
- Journal
- Zeitschrift für jüdische Wohlfahrtspflege
- Volume
- 1 (1929)
- Issue
- 2 (März-April 1929)
- Date
- 1929-03-01
- Page
- Seite 96 (sequence 30)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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standen, und zwar infolge einer ausgesprochenen Katastrophe. Es ist dies der Bankrott der „4. Alijah" — jene vierte Einwandcrerwelle in der Entwicklung des Zionismus, die vorwiegend aus ostjüdischen kleinbürgerlichen Elementen bestand, Handwerker und Händler, welche mit einem kleinen Kapital ins Land kamen, um sich hier eine neue kleinbürgerliche Existenz zu gründen, nachdem die Verhältnisse in ihrem Herkunftslandc unerträglich geworden waren, Leute ohne jegliche Eignung zu einem Pionierdasein, ohne den Willen zum zähen Durchhalten unter schweren Bedingungen, im Grunde ohne Verständnis für die Idee des Wiederaufbaues von Palästina durch jüdische Arbeit. Dieses Element, von dem ein großer Teil schon ausgewandert und ein großer Teil nur deswegen geblieben ist, weil ihm die Mittel und Möglichkeiten zur Auswanderung fehlen, stellt hohe Anforderungen an die jüdische Gesamtbevölkerung Palästinas und auch des Auslandes, die es — in einer an Empfangen gewöhnten, ostjüdischkleinbürgerlichcn Ideologie — für seinen Zusammenbruch verantwortlich macht. Die Fürsorge für dieses Element muß eine Art von Katastrophenfürsorge sein: die gleichzeitige Errichtung eines ganzen Systems von Hilfsinstituten, die nach einiger Zeit durch Auswanderung der Leute oder schließliche Festigung ihrer Existenz überflüssig werden: Leih- und Unterstützungskassen, Volksküchen, Asyle für Obdachlose, Brotverteilung, Haushaltszuschüsse während der Feiertage usw. Für solche Zwecke sind, laut einer kürzlich angestellten Erhebung, im letzten Jahr in Tel Aviv etwa 38 600 £ ausgegeben worden. Dazu kommen dann die Institute systematischer Wohlfahrtspflege: 12 Komitees für Gesundheitspflege mit ihren Einrichtungen, Waisenhäuser, Wöchnerinnenhilfe, Kinder- und Jugend-Ausbildungsinstitute, Säuglingsstationcn, Krippe, Altenheim usw., die durch die katastrophalen Ereignisse einen Zustrom erfahren haben, der unmöglich allein aus den Mitteln des Landes bestritten werden kann. Bis die Verhältnisse sich konsolidiert haben werden, wird es ungemein schwer sein, in den vom Zusammenbruch der 4. Alijah am meisten betroffenen Orten eine planvolle Wohlfahrtspflege zu schaffen. Wieder anders liegen die Verhältnisse in den Städten Tiberias, Saffed und Hebron. Hier lebt eine von der Chalukah ins Land verpflanzte, alteingesessene Bevölkerung, deren Lebenshaltung — von einigen wenigen Ausnahmen abgesehen — von einer wahrhaft orientalischen Dürftigkeit und Primitivität ist. Man könnte — in etwas paradoxer Zuspitzung — behaup- 96