Zeitschrift für jüdische Wohlfahrtspflege
- Journal
- Zeitschrift für jüdische Wohlfahrtspflege
- Volume
- 1 (1929)
- Issue
- 2 (März-April 1929)
- Date
- 1929-03-01
- Page
- Seite 95 (sequence 29)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/4794429-4929550-8238432--106-4794532- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
sie nicht durch andere Aufgaben, auf die wir noch zurückkommen werden, über Gebühr belastet wäre. Anders als in den Arbeitersiedlungen liegen die Verhältnisse in den Pflanzcrkolonien. Hier leben Leute aus bürgerlichen Kreisen, die zum großen Teile mit Mitteln ins Land gekommen sind, auch viele Nachkommen der Siedler, die in den drei Jahrzehnten vor dem Kriege durch Baron Ilotschild und die Jewish Colonisation Association angesiedelt wurden, und von denen ein großer Teil zu einem gewissen Wohlstand gelangt ist. In diesen Kreisen sind die Fälle der sozialen HilfsbedürftigkeiL so gering, daß sie eigentlich durchweg aus lokalen Mitteln und mit einigem lokalen guten Willen behandelt werden könnten. Zu den eingesessenen Koloniebewolinern kommen aber die temporären oder ständigen Arbeitersiedlungen, die am Außengürtel der Kolonien entstehen und aus denen die Kolonisten ihre Lohnarbeiter beziehen. Das sind z. T. Siedlungen der organisierten aschkenasischen Arbeiterschaft, z. T. solche von jemenitischen und anderen orientalischen Juden. Hier entstehen durch Arbeitslosigkeit, Krankheit, Entkräftung und ähnliche Ursachen sehr viele Fälle von sozialer Hilfsbedürftigkeit, die aus finanziellen und technischen Gründen nicht aus lokalen Mitteln und Kräften allein behandelt werden können. Hier leidet auch die Hilfsarbeit sehr erheblich darunter, daß sie fast ausschließlich in den Händen kleiner und kleinster Frauenkomitees liegt, die sie in einem ganz unrationellen, altmodischen „Hachmones" - Geist zu lösen suchen und vieles dadurch verschulden, daß sie untereinander nicht kooperieren, sondern vielfach gegeneinander arbeiten. An sich sind die lokal aufgebrachten Mittel nicht gering; sie betragen z. B. in der Kolonie Petach Tikvvah jährlich etwa 4730 i', doch werden sie durch Unsystematik verzettelt, obgleich Organisationen wie die Hadassah Medical Organisation und die Histadruth Naschim Ibrioth sich bemühen, die Bevölkerung zur sozialen Kooperation und Koordination zu erziehen. Die systematischste Koloniehilfe besteht in Sichron Jacob, wo ein Legat aus den Mitteln eines verstorbenen Siedler-Ehepaares (Länge-Fonds) ausschließlich für produktive Hilfe zur Verfügung steht (Anschaffung von Arbeitsgeräten usw.). Wiederum ganz andere Verhältnisse auf dem Gebiet der Wohlfahrtspflege herrschen in Tel Aviv und Haifa. Hier ist — abgesehen von einem von jeher vorhanden gewesenen hilfsbedürftigen Element — in den beiden letzten Jahren ein großer Kreis von Mensehen, die der Wohlfahrtspflege bedürfen, ent- 95