Zeitschrift für jüdische Wohlfahrtspflege
- Journal
- Zeitschrift für jüdische Wohlfahrtspflege
- Volume
- 1 (1929)
- Issue
- 2 (März-April 1929)
- Date
- 1929-03-01
- Page
- Seite 90 (sequence 24)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/4794429-4929550-8238432--101-4794527- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
ten. Ohne auf Einzelheiten einzugehen mag doch skizziert werden, inwiefern der jüdische Tuberkulöse und das Milieu dieses jüdischen Kranken Besonderheiten aufweist, die zu kennen von Wichtigkeit sind. Eine besondere Betonung der Notwendigkeit eigener Institutionen über den Rahmen der allgemeinen Sorge um die Tuberkulösen ist wohl nicht nötig, zumal eine wirklich brauchbare Arbeit nur bei Kenntnis des jüdischen Menschen schlechthin möglich ist und außerdem es in Deutschland viele Juden gibt, die einer staatlichen oder städtischen Unterstützung oder Versorgung nicht teilhaft werden. Um so notwendiger, daß die jüdische Wohlfahrtspflege sie restlos erfaßt. Die Tuberkulose trifft den Juden nicht unvorbereitet. Wir hallen oben bereits festgestellt, daß eine Art Auslese stattgefunden hat und daß man damit rechnen kann, daß eine Art anlagemäßig vererbter Schutz besteht. Wir haben aber ebenso erkannt, daß dieser Schutz nur von sehr bedingter Wirksamkeit sein kann, was ja die große Zahl von tuberkulösen Juden auch in Deutschland und die große Zahl von schweren Fällen beweist. Nach unseren früheren Ansichten, wonach ein sogenannter asthenischer Typus, d. i. ein Mensch mit schmalem flachem Bau der Brust, besonders disponiert für die tuberkulöse Erkrankung sei, müßten gerade die Juden, bei denen man diesen Körperbau besonders häufig vorfindet, als Folge der geringen körperlichen Betätigung und der mehr einseitigen, sitzenden und geistigen Beschäftigung besonders häufig von dieser Krankheit ergriffen werden. Heute weiß man, daß der äußere Körperbau nicht das allein Maßgebende ist. Beruf und wirtschaftliche Verhältnisse, Wohnung und Verpflegung stehen im Vordergrund, und da muß gesagt sein, daß die wirtschaftlichen Verhältnisse der großen Massen der Juden alles andere als rosig sind. Ausgleichend kann hier die Wohlfahrtspflege wirken, vielleicht sie allein. Dem Mangel an Luft und Licht in den Stadt Wohnungen, und die Juden sind doch zumeist Städtewohner, wirken, wie wir oben feststellen konnten, eben die erhöhten Fürsorgemaßnahmen entgegen, wenn von ihnen Gebrauch gemacht wird. Und die Juden machen gerne davon Gebrauch, aus Gründen der erhöhten Belehrsamkeit und der Zugänglichkeit für Neuerungen schlechthin. Ist auch von den alten Bräuchen nicht allzu viel bewahrt worden, so wirkt doch bei Vielen und sei es in beinahe nur noch atavistischer Form, die Sorge um die Gesundheit mit, die bei den Juden eine beinahe sprichwörtliche Eigenart hat. 90