Zeitschrift für jüdische Wohlfahrtspflege
- Journal
- Zeitschrift für jüdische Wohlfahrtspflege
- Volume
- 1 (1929)
- Issue
- 2 (März-April 1929)
- Date
- 1929-03-01
- Page
- Seite 82 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Das führt uns zu der Annahme, daß das Vorhandensein von Gegenstoffen die neue Krankheit abwehrt, d. h. der Körper ist gegen die Infektion immun. Diese Immunität stammt entweder aus dem Mutterleib, d. h. sie ist angeboren, oder sie ist durch das Ueberstehen dieser Krankheit, und sei es in leichtester Form, erworben. Entscheidend dabei ist oft, ob ein großer Ansturm auf einmal unvermittelt erfolgte und ob diese Infektion immer wieder in massiger Form sich wiederholt. Bei der Tuberkulose ist leider eine solche absolute Immunität nicht anzunehmen. Hier ist noch eine weitere Einschränkung zu machen: auch eine Teilimmunität ist ungenügend, wenn eben der Ansturm seitens der Bazillen zu groß und plötzlich erfolgt und die allgemeine Widerstandskraft durch Entbehrungen, Hunger, Aufregungen usw. herabgesetzt ist. Damit steht die Tuberkulose in ihren verschiedenen Erscheinungsformen schon vor uns. Wir verstehen jetzt leichter: 1. Die chronische Form der Lungentuberkulose (die Tuberkulose der anderen Organe lassen wir hier absichtlich beiseite), beginnend mit dem sogen. Lungenspitzenkatarrh, der meist ausheilt unter Hinterlassung einer kleinen Kalknarbe oder der später unter ungünstigen Umständen sich zu der chronischen fortschreitenden Lungenschwindsucht entwickelt, wenn nicht rechtzeitig eingegriffen wird, 2. Die akute Form der Tuberkulose, der man besonders in den letzten Jahren so große Bedeutung — mit Recht — beimißt oder richtiger, die man erst jetzt als tuberkulöse Erkrankung überhaupt zu deuten gelernt hat. Sie tritt auf wie eine frische Bronchitis oder irgendeine fieberhafte Erkrankung der Luftwege (Grippe, Influenza), ohne die bekannten Erscheinungen der Schwindsucht. Im Gegenteil möchte man behaupten, sie trifft mit der Einschränkung, die wir oben über die Abwehrstoffe machten — oftmals die „Gesündesten der Gesunden" und kommt „wie ein Blitz aus heiterm Himmel". Untersucht man den Auswurf dieser Kranken, so entdeckt man zur großen Ueberraschung oft massenhaft Tuberkelbazillen. Untersucht man den Kranken mit Röntgenstrahlen, so entdeckt man an besonders bevorzugten Stellen der Lungen, aber nicht an den gefürchteten Lungenspitzen, oft schon Einschmelzungen (Kavernen), Hohlräume innerhalb eines Entzündungsfeldes. Erfreulicherweise heilt bei richtiger Behandlung, die oftmals nur in einer einfachen Ruhekur bestehen muß, dieser Prozeß meist wieder völlig aus, sogar manchmal ohne Hinter- 82