Zeitschrift für jüdische Wohlfahrtspflege
- Journal
- Zeitschrift für jüdische Wohlfahrtspflege
- Volume
- 1 (1929)
- Issue
- 2 (März-April 1929)
- Date
- 1929-03-01
- Page
- Seite 81 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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fahren, sei es von allgemeinen, staatlichen Anstalten als auch von privaten, charitativen Einrichtungen immer wieder die Forderung in Erscheinung, daß das Leiden noch einer Heilung zugänglich sein muß bzw. daß die Erwerbsfähigkeit wieder hergestellt werden kann, was natürlich bei den Alterserkrankungen viel seltener zu erwarten sein wird. Eine etwas unmenschlich klingende, aber vom wirtschaftlichen Standpunkt aus immerhin verständliche Maßnahme. Für unsere spezielle Fragestellung insofern von besonderer Bedeutung, als daraus die zwei kardinalen Forderungen deutlich werden: Verhütung der Krankheit und rechtzeitige Erfassung der Erkrankten zu einem Zeitpunkt, da die Aussichten auf Wiederherstellung noch voll gegeben sind. Sonst wandert der Kranke innerhalb der Wohlfahrtspflege aus der Gruppe der noch wirtschaftlich Aussichtsreichen unaufhaltsam in die der Dauerunterstützungsbedürftigen ab. Woran stirbt der Tuberkulöse? Diese etwas eigenartige Frage wird an Sinn gewinnen, wenn wir der Entstehung bzw. der Erkrankungsform an Tuberkulose näher nachgehen. Den Grundstock aller Erkrankung, besonders der durch Infektionen — und die Tuberkulose ist eine Infektionskrankheit — bildet die Frage nach der persönlichen Widerstandskraft, die ihrerseits wieder einen Teil der Konstitution ausmacht. Man kann dies dem Einzelindividuum nicht immer von vornherein ansehen, da äußere gute Entwicklung nicht immer einen Maßstab dafür abgibt. Das Beispiel der echten Grippe von 1918 mag das kurz erläutern. Sie ergriff in ungewöhnlichem Umfang gerade die jüngeren Altersklassen, besonders Männer, die eigentlich früher niemals krank gewesen waren, während sie viele Kränkliche entweder verschonte oder nur in leichtem Grade erfaßte. Man half sich in der Erklärung für diese Eigenart mit der Hypothese, daß es den früher nie Krankgewesenen an den nötigen Reserven an Abwehrstoffen fehlte, da sie nie Gelegenheit hatten diese zu bilden, während die Kranken diese Abwchrmaßnahmen in genügendem Maße gewissermaßen geübt hatten. Schlechte Ernährungsverhältnisse und Unterernährung mögen mitgespielt haben, können aber der alleinige Grund nicht gewesen sein, da in Ländern, die nicht unter Kriegsnöten zu leiden hatten, diese Seuche ungefähr in gleicher Art aufgetreten war. Man muß wohl die Neuartigkeit des Bazillus anschuldigen, da wie bekannt, immer ganz neuartige Seuchen besonders verheerend wirken, zumal auch die sonst oft angeborenen Schutzstoffe fehlen. 81