Zeitschrift für jüdische Wohlfahrtspflege
- Journal
- Zeitschrift für jüdische Wohlfahrtspflege
- Volume
- 1 (1929)
- Issue
- 2 (März-April 1929)
- Date
- 1929-03-01
- Page
- Seite 75 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/4794429-4929550-8238432--086-4794512- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Säuglingssterblichkeit, in Entwicklungsstörungen der Kinder und in der Ausbreitung der Tuberkulose und anderer ansteckenden Krankheiten. Aber auch an sich einwandfreie Wohnungen können bei zu dichter Belegung besonders nervöse Großstadtmenschen zu Reibungen führen, die eine Gefahr für das Familienleben und damit besonders für die Jugend bedeuten. Sittliche Gefährdung für die Jugend kann dabei sowohl innerhalb wie außerhalb der Wohnung entstehen. Man kann nicht damit rechnen, daß der im allgemeinen bessere Gesundheitszustand der Juden (erkennbar in der geringeren Sterblichkeitsziffer) und das hohe sittliche Niveau der jüdischen Familie allein alle Wohnungsgefahren überwinden. Man kann höchstens sagen, daß es bis zu einem gewissen Grade der rituell geregelten Lebensweise und dem nachbarlichen Zusammenwohnen zu verdanken sein mag, wenn die Wohnungsmängel sich nicht noch stärker auswirken, als sie heute schon die jüdische Wohlfahrts- und Jugendpflege beschäftigen. Mit einer selbsttätigen Verbesserung der Verhältnisse ist in der nächsten Zeit kaum zu rechnen. Der Mangel an Wohnungen wird noch längere Zeit herrschen und die Zwangswirtschaft für kleinere Wohnungen vorläufig noch bestehen bleiben. Damit sind Zuziehende zunächst auf Zusammenwohnen mit anderen angewiesen. Die Neuwohnungen sind trotz aller Rationalisierungen wesentlich teurer als Altwohnungen, die Inhaber von Altwohnungen haben sogar noch die Möglichkeit, bei wirtschaftlicher Notlage den Hauszinssteueranteil in der Miete gestundet zu bekommen. Die wirtschaftliche Notlage zwingt aber zur Zurückstellung mancher notwendiger Reparaturen und verschlechtert so die Wohnungen. Dabei werden ja gerade die wirtschaftlich schwächsten Teile der jüdischen Bevölkerung von den Wohnungsmängeln betroffen. Aber auch weit in die zu Anfang als zweite Schicht mit verhältnismäßig gesicherter Existenz dargestellte Gruppe greift die wirtschaftliche Erschütterung über und wirkt sich auf die Wohnungsverhältnisse durch Abvermieten, Eintausch größerer Wohnungen gegen kleinere und im Zusammenhang damit durch Einschränkung der Kinderzahl aus. Abhilfe. Die Wohnungsverhältnisse mit ihren Mängeln wurzeln zu tief in der wirtschaftlichen und sozialen Struktur der jüdischen 75