Zeitschrift für jüdische Wohlfahrtspflege
- Journal
- Zeitschrift für jüdische Wohlfahrtspflege
- Volume
- 1 (1929)
- Issue
- 1 (Januar-Februar 1929)
- Date
- 1929-01-01
- Page
- Seite 61 (sequence 63)
- Language
- German
- Belongs to
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Nur Wenigen aus den Kreisen der Zuhörer war die Materie aus eigener Wahrnehmung bekannt. Denjenigen aber, die fachlich unterrichtet sind, drängen sich unwillkürlich Vergleiche auf, keine historischen aus dem Mittelalter, wo Erziehungsanstalten mit grausamen Einrichtungen gang und gäbe waren, oder Vergleiche mit den furchterregenden Häusern, die unter Ausschaltung jeder Oeffentlichkeit ihr bedenkliches Wesen treiben konnten. Unsere heutige modernste Gegenwart mit pädagogischen Grundsätzen und Lehren, die auf Hochschulen und Seminaren gelehrt werden, steht ohnmächtig vor den Problemen, deren notvolle Lebendigkeit und unerhörte Aktivität der Dichter uns spüren läßt. Ihre Lösung macht den Fachgelehrten und mehr noch den praktischen Vertretern der jetzigen landläufigen Erziehungsmethode dauernde Kopfschmerzen. Seit Jahrzehnten diskutieren Kongresse und Tagungen um die Lösung. Man hat eine umfangreiche Literatur zustande gebracht. Wir sind kaum einen Schritt vorangekommen. Wie können wir es ertragen, in dieser brennenden zentralwichtigen Frage nicht weiter zu kommen? Unwillkürlich drängen sich Vergleiche auf. Ich habe mich gewaltsam bemühen müssen, meine Gedanken von Repzin abzulenken. Hält Repzin dem strengen Tribunal stand, in das sieh liier die Szene verwandelt hat? Nicht nur andere öffentliche Stätten, das was da gedichtet und dargestellt wird, — könnte das nicht auch unser jüdisches Repzin sein? Unsere einzige in Deutschland befindliche Fürsorgeerziehungsanstalt Repzin? Seit bald 30 Jahren unser Sorgenkind. Haben wir das nicht alles auch schon von Repzin gehört: schlechte Behandlung, schlechtes Essen, schlechte Kleidung, Prügelstrafe, Hungerstrafe, Ausbrechen, Flucht ergreifen, Brandstiftung? Gewiß, Tendenzstück. Hier wird dem Fürsorgewesen ein Zerrspiegel vorgehalten. Aber dabei kann sich das moralische Gewissen nicht beruhigen. Denn niemand wird sich rühmen wollen, daß unser Repzin dem Idealbild einer jüdischen Fürsorgeerziehungsanstalt entspricht. Gewiß, eine genaue Untersuchung muß ergeben, daß der Dichter — an den Verhältnissen Repzins gemessen — übertreibt. Es mag sogar mehr Gutes als Schlechtes zu verzeichnen sein, aber solange wir selbst das Gefühl haben, vom Idealen noch weit entfernt zu sein, solange dürfen wir nicht von Uebertreibungen sprechen. Solange müssen wir uns getroffen fühlen und jeden Vorwurf zum Motiv machen, unsere Anstrengungen zu vermehren um das letzte Schlechte auszutilgen. Es mag vermessen sein, dies in aller Oeffentlichkeit zu sagen. Vielleicht ist es nicht nützlich und zweckmäßig, jüdische Einrichtungen an den Pranger zu stellen, vielleicht wird man mich anklagen, den Geist, die Ehre und die Würde der jüdischen Gemeinschaft verletzt zu haben. Vielleicht werden auch diese Aeußerungen unerhört und unbeachtet verhallen wie meine Mahn- und Unkenrufe seit vielen Jahren. Aber diesem Peter Martin Lampel muß es hoch angerechnet werden, daß er das immerhin nicht unbedenkliche Wagnis unternommen hat, in stärkerem Maße als das durch sein Buch „Jugend in Not" geschehen konnte, diese uns alle angehenden Fragen durch das Drama „Revolte im Erziehungsheim" auf die diesmal in Wahrheit wcltbedeutenden Bretter zu bringen. Etwas anderes ist, „ad oculos", wenn auch vielleicht mit einigen, durch Konzentrationen bedingten Uebertreibungen das zu demonstrieren, was viele Menschen bisher nur geahnt, andere in Zeitungen gelesen, dritte durch G«- 61'