Zeitschrift für jüdische Wohlfahrtspflege
- Journal
- Zeitschrift für jüdische Wohlfahrtspflege
- Volume
- 1 (1929)
- Issue
- 1 (Januar-Februar 1929)
- Date
- 1929-01-01
- Page
- Seite 60 (sequence 62)
- Language
- German
- Belongs to
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Mittelstand. Richter, Anwälte und Parteien spielen einander seit Jahren dieselbe Komödie vor, in der Menschen, die nie an Ehebruch gedacht haben, aber voneinander loskommen wollen, einen Ehebruch fingieren, damit den Voraussetzungen des Ehescheidungspatagraphen Genüge geleistet wird. Hier verlangt Lindsay eine Reform des Ehescheidungsrechtes, nach der eine Ehe ohne Mitwirkung von Rechtsanwälten vom Familienrichter auf übereinstimmenden Willen der Ehegatten geschieden werden kann. Bedeutsam ist der weitere Vorschlag, daß Unterhaltsansprüche der Ehegatten gegeneinander dann in der Regel nicht bestehen sollen, weil beide Ehegatten bei kinderloser Ehe die Möglichkeit haben, ihren Lebensunterhalt durch eigene Arbeit zu verdienen. Es soll vermieden werden, daß die Furcht vor Unterhaltsansprüchen die einzige Grundlage der Fortsetzung der Ehe bildet. Das hier angeschnittene Problem, in das der ganze Fragenkomplex der Frühehe mit hineingehört, stellt eine bevölkerungspolitische Frage ersten Ranges dar. Lindsay versucht sie in mutiger und vorurteilsfreier Weise, gegen die bestehenden Kirchen in Amerika, aber aus einer echten Menschlichkeit zu lösen. Das Buch leidet seinem Aufbau nach an denselben Mängeln wie die „Revolution der modernen Jugend": es ist zu breit, voll von Wiederholungen, neben sehr vielen außerordentlich interessanten Beispielen und gelungenen Formulierungen. Aber gerade hier darf ja die künstlerische Form hinter der Sache zurücktreten. G. L. Wir bitten zu dieser, die gegenwärtige Diskussion so stark bewegenden Frage um Aeußerungen. Die Schriftleitung. „Revolte im Erziehungsheim" von Peter Martin Lampe 1. (Zur Aulführung im Theater in der Königgrätzer Straße, Berlin) besprochen von Eugen Caspary, Berlin. „Revolte im Erziehungsheim". Ein Tendenzstück — gewiß; darüber soll sogleich einiges gesagt werden. Zuvor sei aber eine Konzession erlaubt, Bekenntnis eines ehrlich Ergriffenen: Tua res agitur, tua res agilur, Deine Sache ist es, um die es hier geht. Das war der erschütternde Eindruck dieses Theaterabends, die unentrinnbare Vorstellung, die mich, den Hörer packte und heute noch festhält. Darum soll man das Folgende „zum Guten hören". Hier soll nicht angeklagt und gehetzt, nicht verurteilt und verworfen werden. Hier soll die Stimme der tiefsten sozialen Not selbst, wie sie meisterhaft in des jungen Dichter Peter Martin Lampeis Buch gestaltet wurde, einen Widerhall finden, damit sie abermals einen Widerhall finde in den Herzen aller, die um die jüdische Fürsorgeerziehung bedacht sind. Nicht um Anklage und Urteil, sondern um Erweckung und Erneuerung des sozialen Geistes geht es. Dieses war auch allein die Absicht des Dramas: Das Mitleid der Menschen und, wie ich sage, das menschliche Mitleid der Juden zu erregen. Und das wird vollkommen erreicht. Sowohl durch die dichterische Gestaltung und die meisterhafte Darstellung der Künstler als auch durch das ethische Grundthema, so daß hier für das Gefühl der Zuschauer die Idee der Gerechtigkeit wirklich lebendig wird. Daher unterlasse ich es hier, zu untersuchen, ob Lampeis Schilderung falsch oder wahr ist, ob milde oder harte Erziehung nützlich ist, sondern stelle mich rein auf den Grundakkord des Dramas. 60