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Zeitschrift für jüdische Wohlfahrtspflege · 1929-01-01 · 1 (Januar-Februar 1929) · p. Seite 62

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Journal
Zeitschrift für jüdische Wohlfahrtspflege
Volume
1 (1929)
Issue
1 (Januar-Februar 1929)
Date
1929-01-01
Page
Seite 62 (sequence 64)
Language
German
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richtsverhandlungen erfahren haben. Es wird und es muß wirken. Die maßgebenden Stellen werden diesen Schrei einer unglücklichen Menschheit hören und verstehen, unsere Gemeinden, die Landesverbände, der Reichsverband und die großen Organisationen werden aufhorchen und sich um die Fürsorgeerziehung bekümmern und mit schärfster Aufmerksamkeit ihren Blick auf die Not eines Teils unserer heutigen Jugend werfen. Wir alle sind verantwortlich und verpflichtet, Willkür wegzuräumen, die den schon Belasteten — gleichgültig, ob sie schuldlos sein mögen oder nicht — Hoffnung, Glauben und Kraft nimmt. Die zaghafte Problcmbedachtsamkeit unserer betriebsamen und sich in Selbstgerechtigkcit gefallenden Gesellschaft intensivieren wir keineswegs mit phrasenhafter Höflichkeit, mit sanfter Nachsicht und glatter Beschönigung. Gleichgültig, ob es sich um unser Repzin in Pommern handelt, das vor mehr als einem Jahre eine Neugestaltung und Reformierung hätte erleben können, in Peine bei Hannover, oder ob es sich um die neuerdings in Aussicht genommene Neuschöpfung in Wolzig bei Königswusterhausen handelt, — alle unsere Fürsorgeerziehungsanstalten bedürfen genau wie viele der anderen Konfessionen einer umwälzenden und schleunigen Veränderung. Es kommt nicht auf Aeußerlichkeiten in Form und Gestalt eines Heimes an, ob 45 oder 80 Betten aufzustellen sind, ob Einzelschlafzimmer oder Schlafsäle einzurichten sind, ob Küche und Keller zu ebener Erde oder unter dem Dache liegen, es kommt einzig allein auf Reformen im zeitgemäßen Sinne an. Es geht um den Geist der Anstalt, um die Atmosphäre, die von den leitenden Stellen ausströmen muß. Um den persönlichen und planvoll disziplinierten Verkehr, der zwischen dem Leiter und den Insassen bestehen muß. Es handelt sich darum, daß in ausreichender Weise für den Leiter materiell zu sorgen ist, daß er eine ausreichende Besoldung erhält, daß seine und seiner Familie Zukunft sichergestellt ist. Dem Leiter muß eine Selbständigkeit und Freiheit gewährt werden, die es ihm ermöglicht, Maßnahmen in einer modernen Erziehungsarbeit von sich aus einzuführen, ohne durch Zwangsbestimmungen erst angehalten zu werden. Arbeit und Beschäftigung mit produktivem Einschlag. Dauernde körperliche und geistige, anregende (nicht stumpfsinnige) Arbeit, Turnen, Sport und Spiele im Freien. Gutes Essen. Anständige Aufmachung. Anständige Kleidung. Das alles braucht nicht in Humanitätsduselei auszuarten. Man kann in durchaus bescheidenen Grenzen bleiben. Es kommt auf die Art an, wie man ein Stück Brot gibt. Gewöhnen wir uns doch daran, Augen und Ohren zu öffnen, richtig zu sehen und zu hören. Unterdrücken wir unsere Sucht, aus Rücksicht auf das Judentum alles was uns angeht ohne Weiteres als mustergültig, freiheitlich und lobenswert hinzustellen. Es wäre nur ein Hinausschieben der Katastrophe. Hier heißt es, die Wahrheit anzuerkennen und den einzig richtigen Weg zu finden. Für die Zentralwohlfahrtsstelle der deutschen Juden, deren unbestrittene Pflicht es ist, hier mit stärksten Mitteln einzugreifen, erwächst die unendlich dankbare Aufgabe, jetzt schon — jetzt endlich — und noch vor Eröffnung des neuen Heimes für die Ergreifung reformerischer Maßnahmen sich einzusetzen. Fünf öffentliche Fürsorgeerziehungsanstalten mußten, weil die Zustände dieser Häuser zum Himmel schrieen, 62

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