Zeitschrift für jüdische Wohlfahrtspflege
- Journal
- Zeitschrift für jüdische Wohlfahrtspflege
- Volume
- 1 (1929)
- Issue
- 1 (Januar-Februar 1929)
- Date
- 1929-01-01
- Page
- Seite 59 (sequence 61)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Arbeit ist eine starke Anregung, das psychologische Verständnis auch für die jüdische Jugend der östlichen proletarischen Massen zu erweitern. Dies könnte geschehen sowohl durch noch konsequentere soziologisch gelichtete Anwendung der Individualpsychologic als auch durch die Heranziehung der Forschungen von Bernfeld, Schneerson, Lehmann u. a., deren Beobachtungen sich auf solches Kindermaterial in jüdischen Gemeinschaften erstrecken. Edith Cohn. Lindsay und Evans: Die Kameradschaftsehe. Deutsche Verlagsanstalt, Stuttgart, Leipzig, Berlin 1928. Lindsay läßt seinem Buche über „Die Revolution der modernen Jugend", das bekanntlich seinen Ruf in Europa neu begründet, ihn aber sein Richteramt gekostet hat, ein zweites Werk „Die Kameradschaftsehe" folgen. Die Gedanken der Kameradschaftsehe sind keimhaft schon in der Revolution der modernen Jugend enthalten. Unter Kameradschaftsehe versteht Lindsay eine gesetzlich geschlossene Ehe mit erleichterter Scheidungsmöglichkeit, die solange gegeben ist, als die Ehe kinderlos bleibt. Nach der Ehescheidung fallen dann in der Regel Unterhaltsansprüche der Ehegatten zueinander fort. Die Kameradschaftsehe ist nicht Probeehe. Sie ist mit der Absicht des dauernden Bestandes gegründet und stellt keineswegs eine Institution dar, die nur solange aufrechterhalten werden soll, als die von Lindsay sogenannten „romantischen" Beziehungen der Ehegatten zueinander bestehen. Die Kameradschaftsehe beruht auf einer gewollten Kinderlosigkeit. Lindsay geht von der Erkenntnis aus, daß das „Glück" sehr vieler Ehen schon sehr frühzeitig an wirtschaftlichen Schwierigkeiten scheitert. Wenn in einer Verbindung zweier Menschen, die aus einem sehr starken Zusammengehörigkeitsgefühl die Ehe miteinander eingehen, Kinder geboren werden, ohne daß wirtschaftlich die Möglichkeit ihrer Ernährung und Unterhaltung gegeben ist, so wird häufig der Kampf um das tägliche Brot, die Sorge für den nächsten Tag der einzige Inhalt dieser Beziehung. Sobald Kinder in der Ehe sind, fällt auch gewöhnlich die Möglichkeit des außerhäuslichen Erwerbs der Frau fort. Wartet man andererseits mit der Eingehung der Ehe solange bis der Mann eine „Existenz" gefunden hat, so sind hiermit gewöhnlich ebenfalls erhebliche Gefahren und Schädigungen verbunden. In dieser Situation schlägt Lindsay den Ausweg der Kameradschaftsehe vor, die eben solange kinderlos bleiben soll, bis wirtschaftlich die Möglichkeit der Familiengründung gegeben ist. Das Mittel zur Erhaltung der Kinderlosigkeit sieht Lindsay in der Geburtenkontrolle. Geburtenkontrolle soll geübt werden nicht durch Abtreibung, die Lindsay mit allen Mitteln zu bekämpfen sucht, sondern durch Empfängnisverhütung, deren weitere wissenschaftliche Erforschung L. verlangt. Lindsay ist sich durchaus darüber im klaren, daß die Forderung, die er erhebt, in weiten Schichten schon praktisch durchgeführt ist. Er wünscht nur, daß die wirksame Empfängnisverhütung niaht von der zufälligen Auswahl eines Mittels durch den Drogisten abhängig ist, sondern daß diese Auswahl auf wissenschaftlicher Grundlage erfolgt. Auch das zweite Wesensmerkmal der Kameradschaftsehe, die erleichterte Scheidungsmöglichkeit, besteht in Praxi bereits für den gehobenen 59