Zeitschrift für jüdische Wohlfahrtspflege
- Journal
- Zeitschrift für jüdische Wohlfahrtspflege
- Volume
- 1 (1929)
- Issue
- 1 (Januar-Februar 1929)
- Date
- 1929-01-01
- Page
- Seite 58 (sequence 60)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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ein eindrucksvolles Referat von Direktor Steigerthal-Hamburg auch seinerseits die Dringlichkeit des Gesetzes betont, bei der Feststellung des Personenkreises jedoch — was vom Standpunkt der Gefährdetcnfürsorge unseres Erachtens zu bedauern ist — das Merkmal der „psychischen Mängel" wieder fallen lassen, im übrigen aber die Nürnberger Kommissionsbeschlüsse bestätigt. Es ist zu hoffen, daß bei der großen Bedeutung des Gesetzes die in manchen Kreisen, vor allem bei manchen Behörden, noch immer bestehenden, unseres Erachtens nicht gerechtfertigten Bedenken wegen der Kosten überwunden werden, und daß das Jahr 1929 uns das Bewahrungsgesetz bringen wird. Der nächste Schritt dazu wird die Vorlegung eines Regierungsentwurfs sein müssen, die, wie wir bestimmt hoffen, nunmehr alsbald erfolgen wird. Bücher und Zeitschriften Besprechungen Professor Erich Stern: Zur Psychologie des jüdischen Kindes. Zeitschrift „Der Morgen" Philo- Verlag Berlin 1928, Jahrgang 3, Heft 6. Der Verfasser hat sich in seiner Arbeit der individualpsychologischen Methode bedient. Er sieht in der Adler sehen Individualpsychologie keine Beschreibung, sondern eine Konstruktion, eine Theorie, allerdings „ein Prinzip, das uns in vielen Fällen zur Deutung des Seelenlebens hervorragende Dienste leistet und das seine Fruchtbarkeit gerade in unserem Falle bewährt". In ausführlicher Weise beleuchtet er, wie die Charakterentwicklung des Kindes als Reaktion auf die Verhältnisse zu verstehen ist. „Der Jude ist immer und überall eingelagert in eine nichtjüdische Umgebung, die ihm zum großen Teil feindlich gegenüber steht". Da S t e r n die individualpsychologische Anschauungsweise, daß Druck Gegendruck erzeugt, übernommen hat, werden ihm alle Fehler jüdischer Charaktere als Kompensation verständlich. „Das jüdische Kind ist erregter, ist bewegter, ist empfindlicher, ist feinfühliger, weil es sich in einer ständigen Abwehr befindet, weil dauernd Spannungen in ihm bestehen: Es hat die Reizbarkeit und Nervosität des Bedrohten." Er kommt daher zu der Schlußfolgerung, daß nicht nur das Elternhaus, sondern auch die Schule und die weitere Umgebung dem jüdischen Kinde Aufgaben gegenüber zu erfüllen haben. Daß sich Schule und Lehrerschaft von aller Gehässigkeit frei zu halten haben, daß dem Kinde volle Gerechtigkeit werden muß, bedarf wohl leeiner näheren Erörterung. Aber wir müssen noch ein Weiteres fordern: Das Kind auch da zu verstehen und zu würdigen, wo es Fehler zeigt, und wo diese Fehler sich vielleicht stärker hervorheben als bei anderen. Aber einmal stehen den Fehlern auch Vorzüge gegenüber, die es zu pflegen gilt, und zum anderen gilt es, sich darüber klar zu sein, daß die Fehler, welche die Umgebung dem Juden zum Vorwurf macht, zum großen Teil auf deren Schuldkonto zu setzen sind." Sterns Auffassungen, die mit denen von Michael Müller-Claudius weitgehend übereinstimmen, sind sehr aufschlußreich für die Typen der mehr bürgerlich isoliert lebenden jüdischen Kinder. 58