Zeitschrift für jüdische Wohlfahrtspflege
- Journal
- Zeitschrift für jüdische Wohlfahrtspflege
- Volume
- 1 (1929)
- Issue
- 1 (Januar-Februar 1929)
- Date
- 1929-01-01
- Page
- Seite 19 (sequence 21)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Jugendamt, keine Fürsorgestelle mehr geben, die nicht Erziehungsberatung treibt. Zu einem Erfolg der Erziehungsberatung ist es freilich notwendig, daß weitere Kreise die Tätigkeit der Beratungsstellen unterstützen, und daß sie ihr möglichst alle irgendwie gefährdeten Kinder zuführen; heute stehen aber viele der Erziehungsberatung noch vollkommen ablehnend gegenüber. Weshalb? Weil die Eltern sich scheuen, einzugestehen, daß ihre Kinder „Schwierigkeiten" bereiten. Wogegen wir uns hier wenden müssen, ist die vollkommen falsche Einstellung, mit der die Mehrzahl der „Laien" an das Problem herangehen. Noch immer verknüpfen viele mit dem Urteil: dieses Kind ist trotzig und aufsässig, dieses Kind ist verlogen, dieses Kind faul usw., ein moralisches Werturteil; trotzig, verlogen, faul usw., ist gleichbedeutend mit moralisch minderwertig, schlecht, ver- , worfen. Wir müssen uns aber daran gewöhnen, ohne dieses moralische Vorurteil an die Erscheinungen heranzugehen und sie als Lebensäußerungen zu nehmen, die wir verstehen und behandeln wollen. Auch die Schule, die diese ersten Anzeichen der Charakterveränderung vielleicht eher bemerkt und sie objektiver beurteilt als die Eltern, bringt den Aufgaben der Erziehungsberatung nicht immer das rechte Verständnis entgegen. Hier ist noch viel Aufklärungsarbeit zu leisten. Die Erziehungsberatungsstellen können aber auch noch eine weitere Aufgabe erfüllen: die der Ausbildung der Fürsorge -und Wohlfahrtsbeamten. Kein Zweifel, daß für diesen Beruf die persönliche Eignung wie kaum für andere Berufe erforderlich ist, und daß es ohne die Liebesgesinnung und den Helferwillen, ohne Begeisterung nicht abgeht; aber diese Faktoren genügen nicht, zu ihnen muß das Wissen, die Kenntnis hinzutreten, welche erst das „richtige" Handeln ermöglicht. Die Ausbildung aber muß in engster Anlehnung an die Praxis erfolgen, und hier bieten die Erziehungsberatungsstellen ein reiches Material, das der Ausbildung nutzbar gemacht werden kann. Auch die Ausbildung aller Lehrer in den Grundfragen der Psychopathologie und der Erziehungsberatung wäre dringend erwünscht, da sie am ehesten Gelegenheit haben, die Früherscheinungen zu sehen. 19