Zeitschrift für jüdische Wohlfahrtspflege
- Journal
- Zeitschrift für jüdische Wohlfahrtspflege
- Volume
- 1 (1929)
- Issue
- 1 (Januar-Februar 1929)
- Date
- 1929-01-01
- Page
- Seite 16 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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perliche Fehler, Mangel an Liebe und Verständnis, Entwertung des Menschen durch die Strafe, Haß und Eifersucht der anderen ihn zum Verbrecher werden lassen, wie dann eine Tat die andere nach sich zieht, bis es kein Halten mehr gibt. Und doch sind auch hier nicht alle Regungen und Anknüpfungspunkte zu Höherem verschüttet — aber es fehlt der Mut, den niemand anzufachen sich die Mühe nimmt. Wo aber der Mut fehlt, da herrscht die Ichhaftigkeit, und es hängt in weitem Ausmaß von äußeren, „zufälligen" Faktoren ab, ob der Mensch erkrankt oder nicht, ob er sozial abgleitet oder sozial bleibt. In Schillers genannter Novelle findet sich der Satz, daß ein tiefer greifendes psychologisches Verständnis uns zeigen wird, wie eng „Laster und Tugend in einer Wiege beisammen" ruhen; wir werden die Wurzeln des abwegigen Verhaltens „in der unveränderlichen Struktur der menschlichen Seele und in den veränderlichen Bedingungen, welche sie von außen bestimmten", finden. Die Ichhaftigkeit ist das Ergebnis der Entmutigung, sie ist bedingt durch die „unveränderliche Struktur der menschlichen Seele", d. h. durch die in ihr gegebene Art, auf Reize in der bestimmten Weise zu reagieren, und durch die „veränderlichen Bedingungen, welche sie von außen bestimmen". Diese spielen eine wesentliche Rolle. Solange die Ichhaftigkeit, die Strukturveränderung des Charakters besteht, ist die Neurose nicht geheilt, selbst wenn einzelne Symptome geschwunden sind, ist der Verwahrloste nicht zur Gesellschaft zurückgebracht, selbst wenn die äußeren Erscheinungen zu bestehen aufgehört haben: bei dem nächsten Konflikt wird ein erneutes Ausweichen und damit erneutes Auftreten von Symptomen oder von Verwahrlosungserscheinungen die Folge sein. Worauf eine Behandlung also abzielen muß, ist nicht ein Aufheben einzelner Symptome, sondern die Beseitigung der Ichhaftigkeit, die Herbeiführung einer inneren Wandlung, die Ermutigung des Menschen, die ihn in die Lage setzt, sich den Ansprüchen des Lebens zu stellen, ohne auszuweichen und sich mit dem Leben und seinen Problemen auseinanderzusetzen. 16