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Zeitschrift für jüdische Wohlfahrtspflege · 1929-01-01 · 1 (Januar-Februar 1929) · p. Seite 15

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Journal
Zeitschrift für jüdische Wohlfahrtspflege
Volume
1 (1929)
Issue
1 (Januar-Februar 1929)
Date
1929-01-01
Page
Seite 15 (sequence 17)
Language
German
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Nun ist aber jeder Mensch von der Kindheit her mit Minderwertigkeitsgefühlen belastet; diese haben eine zweifache Wurzel: eine organische und eine soziologische. Kein Organismus ist absolut vollkommen, immer finden sich irgendwelche Organminderwertigkeiten, die leicht Minderwertigkeitsgefühle im Gefolge haben. Die Situation des Kindes muß weiterhin zu Minderwertigkeitsgefühlen führen, da ja das Kind dem Erwachsenen gegenüber stets sich minderwertig fühlen wird, besonders dann, wenn der Erwachsene es seine Kleinheit und Unterlegenheit fühlen läßt und wenn er ihm gegenüber von seiner Macht Gebrauch macht. Wo aber Minderwertigkeitsgefühle bestehen, da muß es zu einem Geltungsverlangen kommen, das um so stärker sein wird, je stärker die Minderwertigkeitsgefühle sind, und das in gleichem Maße zu einem Ausweichen vor den realen Ansprüchen des Lebens führen wird. Kein Mensch ist von dem persönlichen Geltungsverlangen ganz frei, und das erklärt es uns, weshalb der Konflikt zwischen dem Individuum und der Gemeinschaft nie vollkommen auflösbar ist. Das Gefühl der Schwäche und das Streben, sich zu behaupten, das gefährdete Persönliehkeitsgefühl irgendwie zu retten, wiederherzustellen und zu erhalten, ist der Grundzug des abwegigen Charakters. Alles, was der Mensch nunmehr tun wird, ist nichts als persönliche Sicherung, die erstrebt wird auf Kosten der anderen, vermöge des eigenen Leidens, im Kampf mit der sozialen Ordnung und Gewalt. Es war ein unbegründetes Vorurteil, in dem Kriminellen, in dem Rohen und Brutalen, in dem Gewalttätigen Menschen von besonderer Kraft und Stärke, von besonderer Energie, in dem ausschweifend Lebenden einen Menschen von besonderer Vitalität zu sehen — im Grunde sind sie alle Schwächlinge, innerlich Haltlose, die aus ihrer Haltlosigkeit heraus fehlen, sie sind Entmutigte, Menschen, denen der Mut fehlt, sich mit den Forderungen des Lebens ernsthaft auseinanderzusetzen. Das ist zweifellos keine neue Einsicht; man lese einmal Schillers Erzählung „Der Verbrecher aus verlorener Ehre", die die Entwicklung eines Menschen zum Verbrecher deutlich schildert, die zeigt, wie kör- 15

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