Zeitschrift für jüdische Wohlfahrtspflege
- Journal
- Zeitschrift für jüdische Wohlfahrtspflege
- Volume
- 1 (1929)
- Issue
- 1 (Januar-Februar 1929)
- Date
- 1929-01-01
- Page
- Seite 14 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Einheit der Persönlichkeit; wie der lebendige Organismus zwei Funktionen hat, die biologisch bedeutsam sind: die Selbsterhaltung und die Arterhaltung, so hat die Persönlichkeit zwei Ziele, denen sie nachstrebt: die Selbstbehauptung und die Erhaltung der Gemeinschaft, an die sie Anschluß sucht; diesen beiden Zielen entsprechen zwei Grundhaltungen der Persönlichkeit, die sicli auf die Formel: herrschen und lieben zurückführen lassen. Die wahre Grundhaltung des Menschen ist die Hingabe an die Gemeinschaft, die Liebe, während das Herrschaftsverlangen immer darauf gerichtet ist, sich selbst auf Kosten der anderen zur Geltung zu bringen. Herrschen und lieben stellen gewissermaßen zwei Pole, Grenzbegriffe dar, zwischen denen sich das wirkliche Verhalten des Menschen im Leben bewegt; es ist nie reine Hingabe an die Gemeinschaft, sondern immer nur ein Mehr oder Weniger an Hingabe und Liebe. Wer sich hingeben will, bedarf des Vertrauens zu anderen Menschen, bedarf des Mutes. Wer herrschen will, wird seinen Anspruch auf Herrschaft immer durch andere bedroht fühlen, er wird immer danach streben müssen, seine Herrschaft aufrechtzuerhalten und zu befestigen, er wird immer von neuem suchen müssen, sich dem anderen überlegen zu erweisen, und so ist alles Streben nach Herrschaft nichts anderes als das Streben nach Ueberlegenheit und Geltung. Dieses wird da um so stärker sein, wo ihm innerlich wenig entspricht, d. h. wo ein schwacher Mensch die Herrschaft zu erlangen oder festzuhalten sucht; der Tyrann ist kein starker Mann, sondern ein Schwächling, der sich selbst und den anderen seine Stärke immer wieder von neuem beweisen will und muß. Wo im realen Leben keine Möglichkeit besteht, die Stärke zu zeigen, die Geltung zu erlangen, wo der Mensch den Mut nicht mehr aufbringt, sich mit der Realität auseinanderzusetzen, da wird er das Leben auf einen „Nebenkriegsschauplatz" verlegen und es wird zu Störungen der Charakterstruktur und des Verhaltens kommen, zu Abwegigkeiten, wie sie die Neurose, wie sie die Asozialität darstellen. Deren letzte Wurzel ist also die irgendwie erlebte Schwäche, das Gefühl der Minderwertigkeit, das zu unsachlichem Verhalten im Leben führt. 14