Zeitschrift für jüdische Wohlfahrtspflege
- Journal
- Zeitschrift für jüdische Wohlfahrtspflege
- Volume
- 1 (1929)
- Issue
- 1 (Januar-Februar 1929)
- Date
- 1929-01-01
- Page
- Seite 8 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/4794429-4929550-8238431--016-4794442- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
wahrlosung, eine Strukturveränderung des Charakters gegenüber, welche mit einer gewissen Zwangsläufigkeit zu Verwahrlosungserscheinungen, zur Störung der sozialen Einordnungsfähigkeit führt. Mit dieser Aufstellung führen wir die sozialpathologischen Erscheinungen auf individualpathologische zurück, und weisen damit der Behandlung des Einzelindividuums eine wichtige Rolle zu. Die damit gegebene Aufgabe erscheint um so bedeutungsvoller, als praktisch die Einwirkung auf den Einzelnen immer leichter möglich ist, als die so oft geforderte Aenderung der sozialen Verhältnisse, die an dem Zustandekommen der Verwahrlosung ganz zweifellos einen sehr großen Teil der Schuld tragen. Verfolgt man die Bedingungen, welche die Strukturveränderung des Charakters (im Sinne des sozialen Verfalls) herbeigeführt haben, so wird man auf zwei Reihen stoßen: auf der einen Seite bestimmt die Anlage, die der Mensch als Erbe seiner Vorfahren mitbekommen hat, auf der anderen Seite die Fülle der Umweltreize, die auf den Menschen einwirken, erst aus dem Zusammenwirken von Anlage und Umwelt läßt sich die Gestalt, lassen sich die Erscheinungen, welche ein Mensch im Leben bietet, verstehen. Freilich liegen die Verhältnisse wesentlich komplizierter, als es im ersten Augenblick scheinen mag, denn nicht Anlage und Außenweltreize wirken, streng genommen, zusammen — das trifft höchstens für den Moment der Geburt zu, und selbst hier nur annäherungsweise —, sondern Inweit und Umwelt; die Inweit ist aber wesentlich mehr und anderes als lediglich die Reihe und Zusammenordnung der angeborenen Anlagen. Die Inweit enthält, wie gleich näher zu zeigen sein wird, immer einen Außenweltfaktor. Und auch die Umgebung, das Milieu steht dem Individuum nicht als etwas vollkommen Fremdes gegenüber, der Mensch schafft sich bis zu einem gewissen Grade sein Milieu selbst, er sucht das ihm adäquate Milieu auf, oder gestaltet ein gegebenes Milieu zu einem ihm adäquaten um. Milieu für den Einzelnen ist nicht so sehr das, was „außen" vorhanden ist als vielmehr das, was von dem Vorhandenen auf ihn wirkt; was aber wirkt, hängt von der Konstitution des Individuums, von seiner „Inweit" ab. 8