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Zeitschrift für jüdische Wohlfahrtspflege · 1929-01-01 · 1 (Januar-Februar 1929) · p. Seite 9

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Journal
Zeitschrift für jüdische Wohlfahrtspflege
Volume
1 (1929)
Issue
1 (Januar-Februar 1929)
Date
1929-01-01
Page
Seite 9 (sequence 11)
Language
German
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Diese Inweit aber erweist sich weitgehend schondurchäußereEinwirkungenundfrühere Erlebnisse bestimmt. Es ist die Eigentümlichkeit des Lebens, daß kein Reiz einfach abklingt, daß sich nach dem Abklingen des Reizes nie der frühere Zustand wiederherstellt, sondern daß Spuren zurückbleiben, welche die Inweit des Menschen — um nur diese herauszugreifen — umgestalten: jede Wahrnehmung, die wir machen, gibt uns nicht nur ein Bild der äußeren Welt, sondern sie verändert uns irgendwie und sie beeinflußt die künftigen Wahrnehmungen, die wir zu machen Gelegenheit haben. Jede Handlung, die wir ausführen, hat nicht nur einen äußerlich sichtbaren Erfolg, sondern sie bereitet späteren gleichen oder ähnlichen Handlungen den Boden und hemmt andere. Jede Einwirkung auf uns, jedes liebevolle oder haßerfüllte Wort, jede Aufmunterung, jede Unterdrückung fordert uns zur Stellungnahme heraus — eine Stellungnahme, die sich unserem Charakter einprägt und ihn prägt. Nicht nur, wie wir uns nach außen hin darstellen und geben, sondern auch wie wir in unserem inneren Wesen sind, ist weitgehend durch die Außenwelt geformt. Diese Ueberlegungen gelten ganz allgemein, sie gelten auch — und damit wenden wir uns zum eigentlichen Gegenstand zurück — für die Strukturveränderung des Charakters, die wir als innere Verwahrlosung bezeichnet haben. Diese Veränderung selbst ist uns, wie alles Psychische, nicht unmittelbar gegeben, wir erschließen sie aus den äußeren Anzeichen, den Störungen des Verhaltens. Insofern bilden die Verwahrlosungserscheinungen den Ausgangspunkt für die Betrachtung; es wäre indessen verfehlt, bei den äußeren Erscheinungen stehen zu bleiben, nur sie studieren und nur sie bekämpfen zu wollen — sie sind nur Symptom, nicht die Störung selbst. Es ist kein Zweifel, daß die innere Verwahrlosung lange bestehen kann, ohne Symptome zu machen, und daß sie fortbestehen kann, auch wenn die Symptome geschwunden sind. Freilich der geschulte Blick wird Symptome auch da noch festzustellen in der Lage sein, wo der weniger Geübte noch nichts oder nichts mehr sehen kann. Wovon hängt denn das Zustandekommen der Symptome ab? Gewiß sind sie Ausdruck der Strukturveränderung des 9

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