Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 5682 - 1921/22
- Article
- Herzl, VI. Kongreßrede, Basel 1903
- Date
- 1921-01-01
- Page
- Seite 92 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 99% known words query
- IRI
…/4086896-10094641-10094655--112-4086996- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Juden unter solchen Bedingungen leben. Arme, sorgenschwere Existenzen haben dort unter Martern geendet. Wir wollen ihr Andenken ehren, uns um ihre Hinterbliebenen kümmern, und dann wollen wir unsere Zeit nicht mit nutzlosen Demonstrationen verlieren, sondern unsere lebendige Sorge den Lebenden zuwenden. Denn die blutigen Tage der bessarabischen Stadt sollen uns nicht vergessen machen, daß es noch manches andere Kischenew, und nicht nur in Rußland, gibt. Kischenew ist überall, wo Juden an Leib oder Seele gequält, an der Ehre gekränkt, am Vermögen geschädigt werden, weil sie Juden sind. Retten wir die, welche noch zu retten sind. Es ist die höchste Zeit. Wer überhaupt die sichtbaren Zeichen sieht, muß sehen, daß in der Lage eine geradezu verhängnisvolle Verschlimmerung eingetreten ist. Wir Zionisten haben diese Verschlimmerung seit Jahr und Tag vorausgesagt — und nun sie da ist, sind wir doch aufs schmerzlichste betroffen. In den letzten zwei Jahrzehnten des neunzehnten Jahrhunderts glaubte man in jüdischen Gemeindekreisen an die Emigration als Allheilmittel. Das ging, wenn wir von allem anderen absehen — vom Elend der Wanderer, von der Grausamkeit neuer Verhältnisse, in die sie unvorbereitet gerieten, vom nationalen Verluste durch immer wiederholte Zerstreuungen, und so weiter — es ging doch nur so lange, als die Länder der Immigration sich gegen diesen Zufluß eines verzweifelten Proletariats nicht wehrten. 92