Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 5682 - 1921/22
- Article
- Herzl, VI. Kongreßrede, Basel 1903
- Date
- 1921-01-01
- Page
- Seite 91 (sequence 3)
- Language
- German
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gutes Zeugnis aus. Mit dem Zugeständnis der Tatsache, daß es den Juden erbärmlich übel ergeht, ist freilich auch noch nicht viel gewonnen. Das führt höchstens zu Handlungen der Barmherzigkeit, die im einzelnen gewiß nur zu loben, aber aus einem höheren, umfassenden Gesichtspunkte zu tadeln sind, weil sie bei all ihrer erwiesenen Unzulänglichkeit das Gewissen der solidarisch Verpflichteten beschwichtigen. „Je nun, man tut, was man kann!" ist ein bequemer Spruch. Es gibt vielleicht Leute, die ein ausreichend feines Gefühl der Selbstbefriedigung haben, wenn sie nach der Morgenblatt- Lektüre eines mittelalterlichen Fudenmassacres der Zeitung eine bescheidene Geldspende zum Ausweise schicken. Doch auch wer sich ehrlich nach seinem Vermögen selbst besteuert, hat mit Geld allein nicht genug getan. Das Geld gibt den Toten das Leben, den Verstümmelten ihre Gesundheit, den Waisen ihre Eltern nicht wieder. Und wie will man mit solchen Almosen das Zittern derjenigen heilen, die zwar nicht am eigenen Leibe getroffen sind, aber in denselben Verhältnissen weiterleben? Die haben es noch nicht überstanden. Wir Zionisten gebrauchen eigentlich diese Argumente nur mit innerem Widerstreben. Es geht gegen unser Gefühl, Unglücksfälle politisch auszubeuten und einen agitatorischen Nutzen aus dem Jammer ärmster Geschöpfe zu ziehen. Aber es muß doch von dieser Stelle gesagt werden, mit welchem Schmerz und welcher Entrüstung wir die grauenhaften Vorgänge von Kischenew vernommen haben, und mit welchem Kummer es uns erfüllt, daß 91