Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 5682 - 1921/22
- Article
- Herzl, VI. Kongreßrede, Basel 1903
- Date
- 1921-01-01
- Page
- Seite 93 (sequence 5)
- Language
- German
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Dies ist die neue Epoche, in die wir eingetreten sind. Die Einwanderungsländer beginnen sich zu wehren, obwohl, nein, weil die Iudennot im Osten Europas steigt. Und doch sind es Länder, an deren hoher Gesittung zu zweifeln einfach töricht wäre. Diese Staaten glauben ihrer sonstigen Humanität — ich sage es nicht ironisch — Einhalt gebieten und die Iudenfrage, die für sie die Frage der jüdischen Einwanderung ist, politisch behandeln zu müssen. Nur bei uns Juden sträuben sich noch manche ängstlich, darin ein Politikum zu sehen. Diese Angst aber wird uns mehr Mitleid als Zorn einflößen, wenn wir sie recht verstehen. Es ist eine Platzfurcht, die noch aus der engen Iudengasse stammt. Indessen entwickeln sich die Dinge unaufhaltsam. In England, dem letzten bisher noch ganz offenen Zufluchtsorte, wurde eine königliche Kommission zur Untersuchung der Fremdeneinwanderung eingesetzt. Der Fremden, um nicht zu sagen der Juden. Die Konklusionen des Berichtes lassen aber keinen Zweifel zu, über wessen Einwanderung die Kommission sich zu äußern hatte. Man sieht ordentlich, wie das freie, großmütige England mit sich kämpft, wie schwer es sich eine harte Maßregel gegen arme Menschen abringt, wie es eine eigene, langwierige Untersuchung einleitet, bevor es zu Endgültigem sich entschließt. Es gibt nämlich alte Prinzipien, glorreich wie Fahnen, die nicht ganz unbeschädigt bleiben, wenn England unschuldig Unglücklichen nicht mehr das freie Asyl gewährt. Und genau dasselbe gilt von Amerika, das groß geworden ist, weil es ein Asyl war. 93