Illustrirter jüdischer Familienkalender
- Journal
- Illustrirter jüdischer Familienkalender
- Volume
- 5642 = 1882, 4. Jahrgang
- Date
- 1881-01-01
- Page
- Seite 82 (sequence 89)
- Language
- German
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Persönliche Beziehungen zwischen Christen und Juden im Mittelalter?) Von vr. A. Berliner. Wer sich im Geiste in die Zeit des Mittelalters versetzt, pflegt gewöhnlich eine lang andauernde Reihe von Jahrhunderten in Vorstellung zu nehmen, während deren, bildlich ausgedrückt, dunkle Nacht die Erde einhüllte, in die kein Lichtstrahl eindrang. Man denkt, wollen wir dies deutlich und näher bezeichnen, an jene traurigen Zeiten, in denen Sitten- und Zügellosigkeit herrschten, Faustrecht und Rohheit obsiegten, Pfaffenherrschaft und Mönchswirthschaft ihre Triumphe feierten, Aberglauben und Gespensterfurcht umherschlichen. Im Allgemeinen, im Großen und Ganzen ist diese Vorstellung, welche man vom Mittelalter hat, nicht falsch; allein, will man gerecht sein, so muß man der Wahrheit die Ehre geben, daß nicht überall und nicht zu jeder Zeit das Mittelalter sich in der bezeichneten traurigen Weise charakterisirte. Wir erblicken an dem dunkeln Himmelsgewölbe hie und da, dann und wann auch einzelne leuchtende Punkte, welche, wie Meteore, aufsteigen und eine Zeit lang ihr Licht strahlen lassen. Es ist dies, mit den Worten der Schrift (Daniel 12,3) zu sprechen, der Glanz, welchen jene Männer um sich ausbreiteten, die, im Gegensatz zu ihrer Zeit, vom Geiste der Wahrheit beseelt und von der Liebe zur Wissenschaft erfüllt, alle Vorurtheile überwanden, wo es galt, weise Erkenntniß zu mehren und menschliche Geistesthätigkeit zu fördern. Wo es galt, durch vereinte Kräfte das Gebiet des Wissens anzubauen, da scheute man sich nicht, auch mit den sonst geächteten Juden in freundliche, oft sogar in freundschaftliche Beziehungen zu treten, um auch ihre geistigen Mittel und Beiträge für die Pflege der Wissenschaft in Anspruch zu nehmen. Daß hierdurch ein gegenseitiges Vertrauen angebahnt wurde, in dessen Genüsse beide Theile reiche Zufriedenheit fanden, wer dürfte dies bestreiten? Daß hierdurch die Wissenschaft einen unschätzbaren Gewinn erhalten hat, könnte nur