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Illustrirter jüdischer Familienkalender · 1881-01-01 · 5642 = 1882, 4. Jahrgang · p. Seite 69

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Journal
Illustrirter jüdischer Familienkalender
Volume
5642 = 1882, 4. Jahrgang
Date
1881-01-01
Page
Seite 69 (sequence 76)
Language
German
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69 Ich war fest entschlossen die Flucht zu wagen, nur fehlte es mir an Geld und thatkräftiger Beihilfe ... ich wollte diese eifrig suchen. Ich wußte, daß es in Prag eine kleine protestantische Gemeinde gibt, ich besuchte deren Bethaus; dort lernte ich zwei wackere Männer, Johannes Falk, einen eingewanderten Hannoveraner, und Gottlieb Spannagel, der sogar ein Landsmann von mir, ein Sachse war, beide reiche Gerbermeister, kennen. Ich schrieb sofort in Spannagels Hause einen Brief an meine Eltern, theilte ihnen mein Schicksal mit und bat sie, ihre Antwort an einen der beiden genannten Glaubensgenosien zu richten, und ich hatte bald das Vergnügen, vom Hause Antwort zu erhalten. Als ich eines Sonntags Nachmittags Spannnagel bei Johannes Falk zu Besuch fand, theilte ich beiden meine traurige Lage und auch meinen Entschluß mit, mich dem ewigen Sklavenjoche zu entziehen, bat um ihre Hilfe, ihren Beistand. Die Sache erschien den beiden Männern sehr bedenklich. Die Russen waren jetzt Oesterreichs Verbündete, und alle Militär- und Civilbehörden hatten den strengsten Auftrag, die russischen Machthaber bestens zu unterstützen; aber meine traurige Lage rührte sie, und wir gingen noch denselben Nachmittag daran, einen Fluchtplan zu entwerfen. Aber die Ausführung eines solchen schien im ersten Momente unüberwindliche Schwierigkeiten zu bieten. Bei Tag war jeder Fluchtversuch unmöglich. Ein Passe-par-tout, der es mir ermöglichte, die Kaserne nach zehn Uhr zu verlassen, war nicht für mich zu erlangen, ein solcher mußte vom Negimentskommandanten unterfertigt sein, und Graf Dunakow, der würdige Freund des Fürsten Lamalow, würde meine verwegene, auch schwer zu motivirende Forderung wohl noch mit einer strengen Strafe belegen; allein auch selbst für den Fall, als es mir in irgend einer Weise gelang, des Nachts aus der Kaserne zu entkommen, unbehindert das Haus meiner Freunde zu erreichen, die Kleider zu wechseln — wie sollte ich zu den des Nachts geschlossenen Stadtthoren herauskommen? — Und wenn ich bis Morgens warten wollte, dann waren gewiß schon alle Thorwachen von meinem Entweichen avisirt, meine Personsbeschreibung angegeben — und ich war verloren! Allein Gottlieb Spannagel — der Allmächtige möge den würdigen Mann segnen! — erdachte etwas höchst Glückliches! Die schrankenlose Bestechlichkeit der russischen Ober- und Unteroffiziere war in Prag allgemein bekannt. Er stellte

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