Illustrirter jüdischer Familienkalender
- Journal
- Illustrirter jüdischer Familienkalender
- Volume
- 5642 = 1882, 4. Jahrgang
- Date
- 1881-01-01
- Page
- Seite 68 (sequence 75)
- Language
- German
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68 nommen worden, und ich wurde unter besonders scharfe Aufsicht gestellt; ich durfte keinen Brief absenden, und so konnte auch, wie leicht begreiflich, keiner an mich anlangen. Ein Fluchtversuch, den ich fortwährend plante, war, so lange wir durch Rußland marschirten, unausführbar; ohne Geld, ohne Freunde im fremden Lande wäre ich als Deserteur nicht eine Meile weit gekommen, ohne angehalten und der Militärbehörde abgeliefert zu werden, und die Strafe eines russischen Deserteurs ist eine so entsetzliche, daß ich Ihr Ohr mit der Schilderung derselben verschonen will. Ich war ein von aller Welt abgeschiedener, mich in ohnmächtigem Grolle verzehrender Mann, meine alten, armen Eltern, um derenwillen ich die Stelle angenommen hatte, mußten Noth und noch mehr als das, Sorge *um den spurlos verschwundenen Sohn, leiden! Endlich hieß es, das unser Korps nach Böhmen rücken würde; und nun schwellten wieder frische Hoffnungen meine Brust. Mein Regiment kam nach Prag. Wie Sie wissen, mußten wir hier Winterquartier halten, und wir bezogen die Königshofer Kaserne. Wir hatten wenig Dienst und demgemäß viele freie Zeit, die wir dazu benutzen dursten, auszugehen, die Stadt anzusehen; allein es waren zur Vermeidung der Desertion russischer Soldaten die umfassendsten Maßregeln getroffen. Sie durften nicht die Stadt verlassen, sie mußten Abends mit dem siebenten Glockenschlage in der Kaserne sein; wer etwas später kam, erhielt eine so beträchtliche Zahl von Knutenhieben, daß er ganz gewiß sein Vergehen nicht wiederholte. Der russische Soldat aber, der nach zehn Uhr ohne einen Erlaubnisschein — Passe-par-tout nannten ihn die französisch sprechenden russischen Offiziere — außerhalb der Kaserne auf der Straße betreten wurde, galt nach einem am Tage unserer Ankunft erlaffenen Tagesbefehl des Feldmarschalls Grafen Suwarow geradezu als Deserteur, wurde von den österreichischen Patrouillen, welche die Nacht hindurch fleißig die Straßen durchstreiften, angehalten und den Russen übergeben, wenn er entfliehen wollte, niedergeschossen. Vor meinem waren nur zwei Fluchtversuche russischer Soldaten in Prag, beide mit unglücklichem Ausgange für diese, unternommen worden; einer war von der österreichischen Patrouille seinem Regimente übergeben und zu Tode geknutet, der zweite, der dem Anrufe nicht Stand gehalten, durch die Brust geschossen worden.