Illustrirter jüdischer Familienkalender
- Journal
- Illustrirter jüdischer Familienkalender
- Volume
- 5642 = 1882, 4. Jahrgang
- Date
- 1881-01-01
- Page
- Seite 70 (sequence 77)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/10622931-10676943--077-4085629- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
70 mir eine große Summe zur Verfügung, um den in der Kaserne wachhabenden Unteroffizier zu bestechen, des Nachts das Pförtchen der Kaserne, das auf den Iosefsplatz geht, zu öffnen — ein Liebes- Handel mit einer reichen Bürgerswittwe sollte meinen Wunsch motiviren; von dort aus hatte ich nur den Iosefsplatz zu durchschreiten, um zum Porie zu gelangen, dessen Eckhaus ein Wirthshaus war; diesen kurzen Weg konnte ich, wenn mir das Glück nur ein wenig günstig war, ungehindert zurücklegen; es war ein sehr geringer Grad von Wahrfcheinlichkeit, daß ich auf dieser kurzen Strecke, die ich in zwei, drei Minuten zurücklegeu konnte, von einer österreichischen Patrouille angehalten würde; — dort sollte ich von meinen Freunden in einer Stube des Hinterhauses erwartet werden, die russische Uniform ab- und die Kleidung eines Gerbergesellen anlegen. In dieser konnte ich daun ungefährdet in Spannnagels Haus gelangen. Dieses ist am Moldauufer gelegen, und Spannnagel hat stets einige Kähne mit Schaffellen gefüllt am Flusse liegen, welche von den fleißigen Gesellen auch oft zur Nachtzeit im Flusse gewaschen wurden. Mit einem Kahne konnte ich, ohne das Stadtthor passiren zu müssen, das jenseitige Ufer, das außerhalb der Stadt und nahe an der Straße nach Sachsen liegt, erreichen, dort sollte mich Falk mit einem Wagen und einem Pallete bürgerlicher Kleider erwarten, ich diese anlegen und rasch der sächsischen Grenze zufahren." Der Pastor machte eine kurze Pause, und Nobitz, der seiner interessanten Erzählung mit athemloser Spannung lauschte, frug: ״Der Fluchtversuch gelang? Sie wurden nicht angehalten?" Der Pastor schüttelte den Kopf, die bloße Erinnerung an den schrecklichsten, furchtbarsten, entscheidendsten Moment seines Lebens erfüllte ihn noch jetzt — zehn Jahre später — mit Grauen, unwillkürlich durchflog ein leichtes Zittern seine Gestalt. ״Es ging nicht so leicht ab," fuhr er tief Athem holend fort, ״ich hatte eine große Gefahr zu bestehen. Der Unteroffizier hatte mich mit einem cynischen Lächeln zu dem Pförtchen herausgelassen, er hielt es sogar, als selbstverständlich, für überflüssig mir zu empfehlen, in wenigen Stunden lange vor Tagesanbruch zurückzukommm. Es war eine mondhelle Nacht, ich konnte den Iosefsplatz überblicken; — ich sah kein lebendes Wesen auf demselben — und dort in dem gegenüberliegenden Eckhause erwarteten mich meine