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Illustrirter jüdischer Familienkalender · 1881-01-01 · 5642 = 1882, 4. Jahrgang · p. Seite 66

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Journal
Illustrirter jüdischer Familienkalender
Volume
5642 = 1882, 4. Jahrgang
Date
1881-01-01
Page
Seite 66 (sequence 73)
Language
German
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66 kluge Mädchen stets verborgen bei sich getragen, konnte sie dann, da ich ihr die Ersparnisse meines Reisegeldes zur Verfügung stellte, leicht nach Deutschland in ihre Heimath gelangen." Der Pastor hielt einen Augenblick in der Erinnerung versunken inne, dann fuhr er fort. ״Herr Nobitz, ich erzähle Ihnen ein Erlebniß und keinen erfundenen Roman; — ich will Sie nicht durch Nebensächliches ermüden; ich will mich kurz fassen — Wilhelminens Flucht gelang vollkommen. Bevor sie in den Wagen stieg, versicherte sie mir, ihre Dankbarkeit für ihren Netter würde erst mit ihrem letzten Athemzuge erlöschen. Ich hatte ihr zugesagt, die Ankunft des Fürsten nicht zu erwarten; sie fürchtete, da er erfahren konnte, daß ich bei ihrer Flucht behilflich gewesen, seine brutale Rachsucht für mich; — aber ich änderte nach kurzem Bedenken meinen Entschluß. Ich hatte, um Wilhelminen beistehen zu können, meine rasch gefaßte ursprüngliche Absicht, am nächsten Morgen meine Stelle zu kündigen, aufgegeben, ich hatte nicht das Recht sofort meinen Posten zu verlassen; der russische Fürst durfte nicht sagen können, ein deutscher Theologe hätte ihm gegenüber seine Pflicht verletzt, ich wollte mannhaft seine Rückkehr erwarten,, und ihm dann sagen, daß ich am ersten des nächsten Monats sein Haus verlasse. In wenigen Tagen kam der Fürst zurück, er kam mit großem Gefolge, sein Freund Gras Dunakow sollte mit seinem Negimente zu Suwarows Armee stoßen, die, gemeinschaftlich mit Oesterreich, die französische Republik bekriegen, sie niederwerfen sollte; der Weg führte ihn und seine Truppen über Lamalow's Güter. Der Fürst hatte brieflich angezeigt, daß er in Begleitung des Obristen eintreffen und sofort bei seiner Ankunft das Regiment bewirthen wolle; er befahl, daß für die Offiziere die Tafel im großen Schloßsaale, für die Unteroffiziere und Gemeinen aber die Tische in den Höfen unter freiem Himmel gedeckt werden sollten. Ich kann es nicht leugnen, Herr Nobitz, daß ich nachträglich die Ankunft Lamalows doch mit begreiflicher Beklemmung entgegensah. Am Tage, für den er seine Ankunft avisirt hatte, ging ich, um mich zu zerstreuen, mit den Kindern — ich hatte seit Wühclminens Abwesenheit, gewissermaßen gezwungen, auch den Unterricht und die Aufsicht der Mädchen übernommen —

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