Illustrirter jüdischer Familienkalender
- Journal
- Illustrirter jüdischer Familienkalender
- Volume
- 5642 = 1882, 4. Jahrgang
- Date
- 1881-01-01
- Page
- Seite 65 (sequence 72)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/10622931-10676943--072-4085624- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
65 Lurch möglich gewesen, mir in der vorletzten Nacht Stein und Brief Lurch das Fenster zu werfen und heute zu erscheinen, daß sie glücklicherweise in ihrem Zimmer eine Strickleiter gefunden, die eine ihrer Anwürdigen Vorgängerinnen — jene wohl zu nächtlichen Abenteuern benützend — dort zurückgelassen hatte. Wilhelmine versicherte mir, daß sie ihrem qualvollen Zustande durch Selbstmord ein Ende gemacht hätte, wenn sie sich nicht für ihre Mutter, deren einzige Stütze sie war, so lange als möglich erhalten wollte, nicht auf meine Ankunft ihre Hoffnung gesetzt hätte. Ich erkannte, welchen schweren Kampf es das edle Mädchen .kostete, sie so tief Verletzendes vor einem Fremden, Unbekannten aus- -sprechen zu müssen. Trotz der krassen Schilderung der russischen Zustände, die ich ja auch schon durch ein schauervolles Beispiel illustrirt gesehen hatte, schien es mir doch im ersten Augenblicke für das Nächstliegende, die Intervention der Behörden anzurufen, nach dem nächsten Städtchen zu eilen, dort bei Gericht die Anzeige zu erstatten, daß man eine fremde Dame gegen ihren Willen gewaltsam zurückhalle. Aber Wilhelmine versicherte, daß diese Maßregel vollkommen erfolglos wäre, bloß mich selbst in hohem Grade gefährden würde. Sie hatte einen bessern, wenn auch abenteuerlich klingenden Plan ersonnen, den sie bisher aus dem Grunde nicht auszuführen vermocht hatte, weil sie weder Geld noch Helfer besaß. Der Fürst hatte ihr, um ihr die Mittel zur Bestechung zu rauben, kein Gehalt ausbezahlt, und ihr auch den Rest des ihr gesandten Reisegeldes, das sie mitgebracht, unter dem Vorwände es zu verwahren, abgenommen. Mir wäre es, meinte Wilhelmine, leicht, während der Abwesenheit des Fürsten, bei meinen täglichen Spazierfahrten mit meinem Zöglinge m dem nächsten Städtchen eine Kibitka^) zu miethen, die mich zu einer bestimmten Nachmittagsstunde am anderen Ufer eines kleinen Sees, auf dem sie zuweilen mit den Prinzessinnen in einem kleinen Kahne fuhr, erwarten sollte. Wilhelmine wollte in gewohnter Weise bis an das jenseitige Ufer rudern, sich in den Wagen werfen und so schnell als möglich aus dem Bereiche des Fürst Lamalow'schen Territoriums kommen. Im Besitze eines preußischen Passes, den das J) Leichter russischer, oben offener oder mit einer Plaue bedeckter Wagen ohne Feder. Meyer, Jllnstrirtcr Jüdischer Familien-Kaleuder für 5642. o