Illustrirter jüdischer Familienkalender
- Journal
- Illustrirter jüdischer Familienkalender
- Volume
- 5642 = 1882, 4. Jahrgang
- Date
- 1881-01-01
- Page
- Seite 64 (sequence 71)
- Language
- German
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64 Mutter in guter Pflege bei deren Schwester, einer armen Beamtenwittwe in Berlin, wußte, mußte, um sie zu erhalten, die Stelle als Erzieherin beim Fürsten Lamalow annehmen. Sie schilderte in kurzen kräftigen Zügen die Zustände in Rußland und speziell jene auf den Fürst Lamalow'schen Gütern, in seinem Hause Man sollte es für vollkommen unmöglich halten, daß in einem Staate, in dem eine Regierung besteht, so entsetzliche Verhältnisse bestehen könnten. In Rußlands herrscht nur die Stärke, die Gewalt — wer die Macht hat, thut, was ihm beliebt, ohne zur Verantwortung gezogen zu werden. Fürst Lamalow hatte in einem Jahre in wildem Auflohen eines brutalen Zornes mehr Menschen tödten lassen als in einem deutschen Staate in einem Vierteljahrhundert durch Gerichtsbeschlüsse justifizirt wurden; er war ein Egoist der schlimmsten Sorte, ihm einen Wunsch versagen erschien in seinen Augen als ein Verbrechen, das er mit grausamen Tode bestrafen durfte; —■ wenn er sich einen angenehmen Moment mit dem Leben, dem Glücke eines Menschen erkaufen konnte, erschien ihm dieser Preis niedrig. Wilhelmine befand sich erst seit drei Wochen in seinem Hause; da er ihr schon am Tage ihrer Ankunft die unverschämtesten Zumuthungen gestellt, hatte sie sofort ihre Stelle gekündigt; aber der Nichtswürdige erklärte, sie mit Gewalt zurückzuhalten. Es wäre, so versicherte Wilhelmine, fast ein Wunder, daß es ihr bisher mit dem Aufgebote übermenschlicher Kraft gelungen, sich seinen Nachstellungen zu entziehen, daß sie jeden Augenblick eines brutalen Anfalles gewärtig sei, daß Lamalow ihr vor seiner Abreise gesagt, daß er ihr nur bis zu seiner Rückkehr Bedenkzeit gebe, freiwillig einen Entschluß zu fassen; — er würde sich dann gar nicht um ihren Willen kümmern. Wäre es Wilhelminen möglich gewesen aus dem Schlosse zu entweichen, so wäre sie geflohen; aber der Fürst ließ sie nicht einen Moment unbewacht; bei ihren Spaziergängen mit den Kindern begleiteten sie zwei leibeigene Diener, welche der Fürst mit ihrem Leben dafür verantwortlich gemacht hatte, sie nicht entfliehen zu lassen; im Hause waren stets mehrere Diener in ihrer Nähe, und selbst des Nachts, die sie in einem an das Schlafzimmer der Prinzessinnen anstoßenden Kabinette zubringen mußte, standen, angeblich zum Schutze der Kinder, zwei Bewaffnete vor den Thüren. Es war ihr nur da- *) Es ist von dem Rußland des vorigen Jahrhunderts die Rede.