Illustrirter jüdischer Familienkalender
- Journal
- Illustrirter jüdischer Familienkalender
- Volume
- 5642 = 1882, 4. Jahrgang
- Date
- 1881-01-01
- Page
- Seite 61 (sequence 68)
- Language
- German
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61 Mädchen von 12 und 10 Jahren, einem häßlichen Knaben von acht Jahren und einer jungen Dame von außergewöhnlicher Schönheit, die er als Mademoiselle Wilhelmine Harder, gleichfalls eine Deutsche, die Gouvernante seiner Töchter bezeichnete; — seine Gemahlin hatte er, wie er sagte, vor einem Jahre verloren. Man setzte sich sofort an den gedeckten Tisch. Die Neuheit der Situation, die Ermüdung, die Eindrücke der häßlichen, empörenden Scene, deren Zeuge ich kurz zuvor gegen meinen Willen gewesen, zum Theile auch die wunderbare Schönheit und auffallende Traurigkeit und Gedrücktheit der Erzieherin, die mir gegenüber saß, versetzten mich in einen Zustand hoher Aufregung, so daß ich keinen Bissen hinunterbringen und mich auch nicht an einem Gespräche beiheiligen konnte. Nach dem Dessert hob der Fürst sofort die Tafel auf, und auf seinen Befehl leuchtete mir einer der Diener, die bei Tische servirt hatten, über mehrere lange Korridore in meine an dem äußersten Ende des Schlosses gelegene Wohnung. Erst, als ich dem Diener, der meine Befehle zu erwarten schien, erklärte, ich bedürfe seiner nicht, entfernte er sich. Als ich allein war, trat ich an das offene Fenster; es ging auf einen großen Garten mit langen breiten Alleen und dichten Gebüschen, von denen sich eines unmittelbar unter meinen Fenstern befand. Es war eine mondhelle Nacht, und ich blickte zu dem schönen blauen Himmel empor, an dem Myriaden Sterne glänzten; die Erinnerung an meine lieben Eltern und Geschwister, die mich nie verließ, trat in dem Momente noch intensiver in mir hervor, ich stellte mir vor, wie sie alle wohl eben jetzt, in der kleinen niedrigen Kammer um den alten brauen Tisch sitzend, des in der Ferne weilenden Sohnes und Bruders in Liebe gedenken würden. Wohl eine Stunde lang mochte ich so in Gedanken versunken gestanden haben, dann fühlte ich mich doch sehr ermattet; ich schloß das Fenster, warf mich aufs Lager, und versank bald in Schlaf, der aber durch fieberhafte Träume gestört wurde. Die Ereignisse der letzten Stunden traten fratzenhaft verzerrt, vermischt mit meinen inneren Eindrücken und Erinnerungen in den sonderbarsten Permutationen vor meiner Seele. Ich sah die schöne Erzieherin mit dem bleichen Gesichte, den Blick ihrer großen traurigen Augen hilfesuchend auf mich gerichtet, an einen Pfahl gebunden, und der Fürst, mit