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Illustrirter jüdischer Familienkalender · 1881-01-01 · 5642 = 1882, 4. Jahrgang · p. Seite 62

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Illustrirter jüdischer Familienkalender
Volume
5642 = 1882, 4. Jahrgang
Date
1881-01-01
Page
Seite 62 (sequence 69)
Language
German
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IRI
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62 blutgierigen Zügen neben ihr stehend, befahl, sie zu Tode zu foltern. — Dann erschien es mir, als wenn mein greiser blinder Vater in bestaubten Neisekleidern vor mich träte, mir sagte, er habe allein mit seinem Wanderstabe den weiten Weg zu mir sich durchgetappt und durchgebettelt, um mir zu rathen, das Haus des Bösewichtes, in dem ich mich befinde, zu verlassen; — endlich sah ich mich im Traume als Pastor in meinem Heimatsdorfe, und meine Pastorin war — Wilhelmine Harder! Plötzlich wurde ich durch ein klirrendes Geräusch geweckt; — es dauerte einige Sekunden, bevor ich mich zu orientiren vermochte; es war durch die Fensterscheibe, die hierbei zerbrochen wurde, ein Stein geschleudert worden; instinktiv eilte ich ans Fenster. Der Mond beleuchtete den ganzen Garten, ich konnte deutlich eine rasch fliehende Gestalt erkennen; — wenn ich nicht auch wachend träumte, war das — Wilhelmine Harder! Ich machte rasch Licht und hob den Stein vom Boden auf; er war in ein Papier gewickelt — es war also eine Botschaft, die mir Wilhelmine Harder zukommen ließ; — ich las die wenigen Zeilen mit wilder Gier, sie lauteten: ״״Ich erwartete Ihre Ankunft in fieberhafter Spannung. Sie sind mein Landsmann und werden ein schutzloses Mädchen in fernem fremden Lande, das man verderben will, nicht verlassen. — Ich muß Sie allein, ungesehen sprechen; — morgen ist dies unmöglich, ich bin von Spähern umgeben und kann Ihnen nur mit Lebensgefahr diese Botschaft zukommen lassen. Uebcrmorgen reist der Fürst zu einem würdigen Genossen zur Jagd; ich bitte Sie, mich um Mitternacht in dem Gebüsche unter dem Fenster ihrer Zimmer zu erwarten. — Verbrennen Sie den Zettel und beklagen Sie sich des Morgens, daß ein Windstoß eine Fensterscheibe zerschlagen."" Ich überlas den Zettel Wohl hundertmal, bis ich mir dessen Inhalt so eingeprägt hatte, daß ich jedes Wort auswendig wußte, dann verbrannte ich ihn. Nicht den kleinsten Zeittheil zweifelte ich daran, daß das Mädchen die vollste Wahrheit geschrieben, daß sie sich in einer eminenten Gefahr befände. Am nächsten Tage trat ich mein Amt als Lehrer des jungen Fürsten an. Wilhelmine erschien beim Mittagstische nicht, sie hatte

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