Illustrirter jüdischer Familienkalender
- Journal
- Illustrirter jüdischer Familienkalender
- Volume
- 5642 = 1882, 4. Jahrgang
- Date
- 1881-01-01
- Page
- Seite 60 (sequence 67)
- Language
- German
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GO Geschwister waren nicht in der Lage die Eltern zu unterstützen, die Mehrzahl derselben mußte noch selbst unterstützt werden. Gerade in unserer härtesten Bedrängniß wurde mir durch Vermittlung eines Kollegen, dessen Onkel in Rußland als Musiklehrer lebte, der Antrag gestellt, als Erzieher eines achtjährigen Knaben in das Haus des Fürsten Lamalow zu gehen. Die Bedingungen erschienen mir glänzend, der Fürst bot ein Iahresgehalt von 600 Thalern, die ich ganz meiner Familie zuwenden konnte, ich konnte nicht einen Augenblick über meine Entschließung zweifelhaft sein und trat die weite Reise — das Reisegeld war mir bei einem Leipziger Bankier angewiesen worden — nach meinem neuen Bestimmungs- Orte an. Rach einer mehrwöchentlichen mühseligen Reise langte ich an einem Herbstabende auf dem fürstlich Lamalow'schen Gute an; es war schon spät, und als ich den Schloßhof betrat, ward ich in unangenehmster Weise von einer affreusen Scene überrascht. Ich horte ein entsetzliches Geheul, und da der Hof von einer großen Zahl von Pechfackeln grell und unheimlich beleuchtet war, erkannte ich, nachdem ich mich an das eigenthümliche Licht gewöhnt hatte, daß ein halbnackter Mensch an eine Säule gebunden stand und von einem zweiten in empörendster Weise mit Knutenhieben traktirt wurde. Neben ihm stand der Fürst, der mit vor Wuth entstellten Zügen jeden Knutenhieb mit lebhafter Spannung verfolgte, einen besonders gelungenen, besonders schmerzhaften auch durch ein ermunterndes Beifallswort oder Händeklatschen belohnte. Als ihn ein Diener aus meine Ankunft aufmerksam machte, ließ er allerdings den halbtodten, vielleicht sterbenden Unglücklichen, der sich nicht aus den Füßen zu erhalten vermochte und auf einer Tragbahre fortgetragen werden mußte, losbinden, trat auf mich zu und begrüßte mich mit süßlicher Höflichkeit. Dieser widerliche Gegensatz entmenschender Bestialität und oberflächlicher, offenbar herzloser Artigkeit erregten meinen höchsten Ekel, ich war kaum im Stande, meine Hand in seine Rechte, die er mir cordial entgegenstreckte, zu legen, und ich nahm mir fest vor, schon am nächsten Tage meine Stelle zu kündigen. Der Fürst führte mich sofort in den hellerleuchteten Speisesaal, wo wir von einer kleinen Gesellschaft erwartet wurden, die er mir sofort vorstellte; sie bestand aus seinen beiden Töchtern, hübschen