Jahrbuch für Israeliten
- Journal
- Jahrbuch für Israeliten
- Volume
- 21 auf das Jahr 5624 -1864
- Date
- 1863-01-01
- Page
- Seite 67 (sequence 84)
- Language
- German
- Belongs to
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67 Knaben aus der Schule geladen, welche Herr Monlefiore nach beendigter Tafel im Hebräischen und in Religionskenntnissen prüfte. Als ich in Ramsgate war, wurde ich engagirt. täglich einigen Knaben Unterricht im Talmud zu ertheilen. Mit einem ebenfalls aus Polen gebürtigen Knaben, dessen Vater in Californien wohnte und den Herr Montefiore besonders liebte, ersuchte mich Letzterer den Kommentar Raschi's zur Wochenvorlesung einzustudieren. Jeden Sonnabend examinirte ihn Herr Montefiore darüber, öfters in Gegenwart seiner Gattin. In seinem häuslichen Leben hält er ebenfalls außerordentlich streng die vorgeschriebenen gebräuchlichen Formen fest. Dahin gehört z. B. das Händewaschen vor dem Essen, das Segensprechen vor und nach demselben. Kiddusch u. s. w. Herr Montefiore hält diejenigen Personen, welche die religiösen Gebräuche streng beobachten, besonders hoch und berücksichtigt nur diejenigen Hülfsbedürftigen, welche mit Zeugnissen von Geistlichen versehen sind. Es ist dies zwar eine allgemeine Sitte der englischen Juden, welche zwischen jüdischen und christlichen Hülfsbedürftigen in der Regel keinen Unterschied machen, wenn sie nur von geistlichen Personen empfohlen sind. Mündliche Bitten um Unterstützung nahm Herr Montefiore nicht an, und sobald ihn Jemand auf offener Straße ansprach, srug er oft: ״Was haben Sie zu verkaufen?" Die Armen, welche schon auf diese Frage gefaßt sind, ziehen eine Kleinigkeit, Bleistifte oder Streichhölzchen, aus der Tasche und Herr Montefiore giebt ihnen das erste Geldstück dafür, das ihm in die Hand kommt. Früher war er viel wohlthätiger gegen Hülssbedürftige; Niemand wurde abgewiesen-, vor jedem Feiertage vertheilte er und seine Gattin reichliche Almosen an sämmtliche Arme in London. Seine Spenden fließen jetzt fast ausschließlich den Synagogen zu,und zwar nach dem Gutachten der an der Spitze der Londoner jüdischen Gemeinde stehenden Geistlichkeit. Es ist zu beklagen, daß die reichen Juden Londons jetzt fast ganz in die Hände von Leuten gerathen sind, welche sich bemühen, den Armen und namentlich bedürftigen jüdischen Fremden, welche nach London kommen, die Unterstützung zu entziehen und sie den Synagogen zuzuwenden, welche blos des Ruhmes wegen Schätze anhäufen. Daher darf man sich auch nicht wundern, daß wir nichts von Spenden erfahren haben, welche Herr Montefiore beim Tode seiner Gattin an die Armen austheilen ließ, da sein Geld den Synagogen zugegangen ist. Nächstens werde ich mehr über die Verhältnisse der englischen Juden mittheilen. Der Herausgeber. -5*