Jahrbuch für Israeliten
- Journal
- Jahrbuch für Israeliten
- Volume
- 21 auf das Jahr 5624 -1864
- Date
- 1863-01-01
- Page
- Seite 46 (sequence 63)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/4085237-9640998--220-4085305- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
wohnten sie meistens in Trastevere bei einander, — jetzt wurde ihnen ein streng abgesperrtes, mit Mauern und Thoren umgebenes Quartier angewiesen, das sie am 26. Juli 1556 beziehen mußten. Der Name ist wohl aus dem talmudischen Ghet gebildet, welches „Absonderung" heißt*). Die ganze Iudenschaft Roms steht gegenwärtig unter der obersten Congregation der Inquisition, und ihr Spezial- Magistrat für alle civile und criminelle Gegenstände ist das Kardinal-Vikariat. Die Polizei ist in den Händen des Präsidenten der Region von San-Angelo und Campitelli. Die Juden besorgen ihre inneren Angelegenheiten durch drei Fattori del Ghetto, welche von halb zu halb Jahr gewählt werden; die Abgaben an den Staat und einige religiöse Anstalten betragen jährlich ungefähr 6000 Gulden. A n m. Es sind wohl die Mauern des Ghetto gefallen— aber die heilige Inquisition hat einen geistigen und bürgerlichen Druck um jene schmutzigen und winkligen Straßen aufgebaut, so daß man bei der Entscheidung in Verlegenheit kommen möchte, welche Mauer höher und schrecklicher war, die alte steinerne oder die neue, durch finstere Edikte und Gesetze aufgebaute Scheidewand. — Ja, die heilige Inquisition in Rom hat es sich in den letzten Jahren zur besonderen Aufgabe gemacht, die Juden daselbst zu verfolgen und auf eine ausgesuchte Weise zu martern, wenn sie dieselben auch nicht mehr auf den Scheiterhaufen bringen kann. Als Beleg für die gänzliche Rechtlosigkeit der römischen Juden wollen wir folgende Geschichte erzählen: „Ein christlicher Handelsmann hatte vor einigen Jahren die Frau eines jüdischen Kaufmanns in Bologna entführt und flüchtete mit derselben nach Rom. Dort schwor die Verworfene ihren väterlichen Glauben ab und verheirathete sich, und zwar noch un- *) Das talmudische Wort „Get" bedeutet ursprünglich Contract, Schreiben, Brief; dann auch und namentlich „Scheidebrief."