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Soncino-Blätter · 1925-01-01 · I. Band 1925-1926 · p. Seite 220

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Journal
Soncino-Blätter
Volume
I. Band 1925-1926
Date
1925-01-01
Page
Seite 220 (sequence 239)
Language
German
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r fefte Punkt, der von nun ab allein in Betracht kam: der Menfch als Zentrum und Maß alles Seienden; für die materielle Stützung und Füllung des Weltbildes fehlte noch ein rings fchließendes Erfahrungsgefüge, So find alle Philofophen der -italienifchen Renaiffance kühn, kämpferifch, unfyftematifch, \viderfpruchsvoll,vague, fchwärmerifch, reich an Ideen und ermangelnd einer Idee. Inmitten dieser chaotifchen Flut von Gedanken ficht auf eine eigentümliche Weife Leone Ebrco, noch genügend Sohn des Mittelalters, um an die Möglichkeit einer Univerfalphilofophie glauben zu können, genügend fchon Bruder der neuen Geifter, um an die Stelle des ftarren, in Sphären geftuften Wcltkörpers der mittelalterlichen Spekulation ein lebendiges^ durch Gefühl verbundenes Wcltgcfüge zu fetzen. So empfängt fein Weltbild von der Scholaftik den hierarchifchen Aufbau der Emanationslehre, vom Geilt der JNeumateriellen Dinge annimmt, wenden fich liebend der niederen Materie zu, um fie zu fich heraufzuziehen, da deren Mangel einen Mangel der Welt bedeutet und alfo unverträglich ift mit dem endlichen Ziele eines Zürückfließerts aller Dinge-iäzeit die Beteclüng durch das Univerfalprinzip der Liebe, vom Judentum die fpekulativen Materialien (Attributenlehre, Schöpfungslehre, Eschatologic), von Platovdic Deutung (Ideenlehre). Aber diefe ontologifche Liebeslehre, bildet nur die Vorausfetzung der ethifch-religiöfen Konzeption, die das eigentliche Thema des Buches und das Ziel feiner Philofophic ift. Diefe Konzeption ifi myftifch. Sie fucht eine Vereinigung des Univerfums wie auch der einzelnen Seele mit Gott hcrzuftcllcn, ohne zugleich die Transzendenz Gottes aufzugeben. In dem Streben nach diefer Vereinigung ficht Leone den Exiftenzgrund ebenfo wie das Bewcgungsgcfetz der Welt; alles, was ift, flrebt in Gott zurückzukehren, aber nicht jedes für fich, fondern als Ganzes, als Univerfum. Darum ift nicht eine weltflüchtigc Gottesliebe ethifches Poftulat, fondern liebende Erfaffung und Erfüllung der Welt. Die fpiritualen Intelligenzen, die Leone nach fcholaftifchem Brauch als immateriell aber real und vollkommen oberhalb der Gott, in dem um Vollkommenheit fein kann. So entfteht eine doppelt gerichtete Bewegung durch Jas Weltall hin, vom Höheren zum Niederen und vom Niederen zum Höheren. Das Bindeglied der höheren und der niederen Welt ift die menfehliche Seele; in ihr wird das Univerfum eins. Um den Gedanken der Liebe Gottes zu den Kreaturen, den philofophifch zu poftulieren die jüdifche Theologie des Mittelalters fich wohl gefcheut hatte, deduzieren zu können, hat Leone aus der Idee der Liebe eine transzendentale Afthetik entwickelt, die in der Gefchichte der Äfthetik einen bedeutenden Platz behauptet. Es ift die erfte idealiftifche Theorie des Schonen, eng verbunden mit einer auf platonischer Grundlage errichteten Ideenlehre. Ein ftufenweifer Aufbau des Schönen führt bis zu einer Efften Schönheit, die in Gott felber ruht. Es ift der neuplatonifche Logos äfthetifch gewendet. Kennzeichen diefes Begriffes ift „vielfache Einheit" (Multifaria unitä). Diefer Terminus, der auf Salomon Ibn Gabirols JFons vitaeu zurückgehen dürfte, findet feine Anwendung zugleich auf das Schöne an fich und auf Gott. So mündet die Afthetik unmittelbar in die Gotteslehre über. Indem Gott die Erfte Schönheit, d. h. das Urfchöne in fich anfehaut, umfaßt er in einer liebenden Erkenntnis die Welt. Der Menfch, infofern er die reine Idee des Schönen anfehaut, gelangt zur liebenden Erkenntnis Gottes (Amore intellettuale di Dio). Hier, im dritten Dialog des Leone Ebreo hat Spinoza1 1 Vgl. hierzu £. Solmi, Benedetto Spinoza et Leon Ebreo Modena 1903 und C. Gebhardt, Spinoza und der Piatonismus (im „Chronicum Spinozanum" Bd. I, Haag 1921, S. 178ff.). 220

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